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Im blutigen Wunderland

München - Stilvoll, erschreckend und faszinierend: David Cronenberg befasst sich mit der Russenmafia

Ein Friseurladen in einem Londoner Einwanderer-Viertel. Der nervöse Mann, der den Laden betreten hat, lässt die Jalousien herunter, und der Zuschauer versteht diese Geste sofort. Zu viele Filme hat man schon gesehen, um den Mord nicht zu ahnen - ein erstes Bild voller Meisterschaft in seinen kleinsten Verweisen.

David Cronenberg hat keinen Aufwand nötig, keine spektakulären Schocks. Gewalt geschieht beiläufig. Routiniert ist das alles trotzdem nie, sondern in dieser Beiläufigkeit besonders erschreckend. Ein harter Schnitt durchtrennt dann den Film, führt zu einem Mädchen, das eine Apotheke betritt. Blut rinnt den Boden entlang, und man weiß, dass es auch für sie nicht gut ausgehen wird. Dann eine dritte Szene (wir sind immer noch in den ersten Minuten) in einem Krankenhaus: Ein Kind wird geboren, die Mutter ist tot. Die Ärztin, die das betroffen, doch abgebrüht zur Kenntnis nimmt, wird von Naomi Watts gespielt. Sie ist die Heldin des Films.

Was für ein Anfang: Bilder und Personen dieser drei Szenen haben zunächst nichts miteinander zu tun. Doch sie bilden die ersten Mosaiksteine, aus denen sich dann Stück für Stück der ganze Film aufbauen wird. David Cronenbergs Werk "Tödliche Versprechen" handelt vom Osten, dem neuen, der dem alten so verdächtig ähnlich sieht und der aus westlicher Perspektive ein fremder, faszinierend-bedrohlicher Raum ist.

Vor allem geht es um die Russenmafia. Mit Lust am Klischee beschreibt der Kanadier Cronenberg das Bild der Russen im Westen, porträtiert die aktuelle Szene und ihre aufprotzenden Äußerlichkeiten - in London zumal, wo Putins Oligarchen sich in ihren schwarzen Ledermänteln und Mercedes-Schlitten eine wohlige Parallelgesellschaft errichtet haben und Fußballclubs im Dutzend kaufen.

Bei Cronenberg dominiert ein Nebeneinander von Gemütlichkeit und Brutalität: schlechte Musik und brutale Initiation, Borscht und Blut sowie alte Männer, die sich von Kindern zu Tränen rühren lassen, um danach einen Mordbefehl zu erteilen. Armin Müller-Stahl, der in solchen Rollen ja immer auch das Deutsche mittransportiert, gibt den finsteren Patriarchen, Vincent Cassel seinen Sohn von dämonischer Infantilität. Viggo Mortensen ist der stoische Mann fürs Grobe und Naomi Watts eine Alice, die in diesem finster schillernden Wunderland sich selber findet.

In den letzten Jahren hat sich Cronenberg immer mehr den Klassikern des Film Noir, ihrer melancholischen Härte und ihrem moralisch grundierten Fatalismus genähert. Eine der bitteren Lehren, die "Tödliche Versprechen" enthält, ist, wie die prekären Strukturen der Gesellschaft auch die Familien infizieren. Kinder können ihren Eltern nicht trauen. Ein weiterer, lakonischer Merksatz: "Die größten Gefahren entstehen aus den dümmsten Dingen."

"Tödliche Versprechen" ist ein typischer Cronenberg-Film, der Intelligenz und visuelle Tabubrüche verbindet. Wie gewohnt auf hohem Niveau, stilvoll, dabei tauglich für größere Publikumsschichten. Die Bilder dürften lange Zeit im Bewusstsein des Zuschauers präsent bleiben.

"Tödliche Versprechen"

mit Viggo Mortensen

Regie: David Cronenberg

Hervorragend

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