Das Böse exorzieren

- Seit 20 Jahren gehört er zur Elite des großen deutschen Theaters. Die Münchner kennen ihn aus seiner Zeit an den Kammerspielen 1988 bis '92. Jetzt dürfte er auch dem Kino-Publikum endgültig ein Begriff werden: Am Donnerstag findet in München die Premiere des Eichinger-Mammut-Projektes "Der Untergang" statt (Filmstart 16. September), in dem der Berliner Ulrich Matthes den NS-Propagandaminister Joseph Goebbels spielt. Wenige Wochen später läuft "Der neunte Tag" an, Volker Schlöndorffs neuer Film über einen Luxemburger Pfarrer im KZ Dachau. In der Hauptrolle - Ulrich Matthes.

<P>Sie spielen Goebbels. Freut man sich, eine solche Rolle angeboten zu bekommen?<BR><BR>Matthes: Ja. Nein. Ja. Es ist keine Koketterie von mir, wenn ich jetzt sage: Ich war mir anfangs wirklich nicht sicher, ob ich das spielen will. Einerseits ist so eine Figur in einem derartigen Projekt das, was man flapsig immer eine Traumrolle nennt. Andererseits hatte ich doch erhebliche moralische Bedenken.<BR><BR>Inwiefern?<BR><BR>Matthes: Das Thema Nationalsozialismus liegt mir am Herzen. Immer schon. Als 13-Jähriger habe ich das Tagebuch der Anne Frank gelesen. Und seitdem ließ mich diese Phase nicht mehr los. Ich bin ein Kind der 68er-Generation und groß geworden mit diesem Thema. Die Beschäftigung mit dem "Dritten Reich" ist mir beruflich wie auch als Privatmensch sehr wichtig.<BR><BR>Jetzt waren Sie erst Goebbels, und wenige Wochen danach spielten Sie in Volker Schlöndorffs "Der neunte Tag" einen entlassenen KZ-Häftling<BR><BR>Matthes: Ja, das war wirklich Heavy Metal (lacht). Innerhalb eines Dreivierteljahres wurden die beiden Filme gedreht. <BR>Wie haben Sie sich vorbereitet?<BR><BR>Matthes: Letztlich getrennt voneinander. Allerdings habe ich manches parallel gelesen wie etwa die Tagebücher von Goebbels und die Aufzeichnungen von Viktor Klemperer. Mir ist da besonders in Erinnerung geblieben, wie Goebbels ganz technokratisch die Stoff-Lieferschwierigkeiten bei der Einführung des Judensterns beschreibt. Bei Klemperer habe ich dann die ersten demütigenden Erfahrungen mit diesem Stern an der Brust nachgelesen. Wie das ist, mit dem Ding beim Bäcker auftreten zu müssen. Was es heißt, einem "negativen Orden" anzugehören. <BR><BR>Diese beiden Pole des Täters und Opfers aushalten zu müssen, zerreißt einen das nicht innerlich?<BR><BR>Matthes: Ja. Aber es gehört auch zu den beglückenden Erfahrungen als Schauspieler, erst den Bösen an sich heranzulassen mit all seiner destruktiven Energie _ und ihn anschließend exorzieren zu können, indem man sich der Perspektive des Opfers zuwendet. <BR><BR>Lebten Sie in dieser Phase noch einen Moment am Tag ohne die Figuren?<BR><BR>Matthes: Ich muss das als Schauspieler schaffen, und ich glaube auch bei aller Verehrung für DeNiro und ähnliche Kollegen nicht daran, dass es zu einer völligen Deckungsgleichheit zwischen dem Ich des Schauspielers und dem Ich der eigenen Person kommt. Es ist immer eine Art von Mimikry. Natürlich hilft einem bei Goebbels die Annäherung durch Äußerlichkeiten. Dass man diesen Humpelgang üben muss und diese singende rheinische Spreche. Das ermöglicht es, sich der Figur schnell von außen zu nähern. Aber das ist alles nur ein Vehikel, und es geht doch um innere Vorgänge. Eben eine bestimmte Art der Aggressivität in sich zu entdecken. Und umgekehrt für die Szenen im "Neunten Tag" dann eine totale Verinnerlichung herzustellen.<BR><BR>Wie bekommt man Goebbels nach einem Drehtag wieder aus den Poren?<BR><BR>Matthes: Indem man sich zurück ins Hotel fahren lässt, den Fernseher anstellt, einen riesigen Teller Spaghetti bestellt und einen Tomatensalat mit Zwiebeln und einfach essend hin- und herzappt, vor sich hinstumpft und an gar nichts mehr denkt. Ich glaube, ich bin mental so gefestigt, dass ich eine bestimmte Art von seelischer Gesundung schnell wieder herstellen kann. Ich halte es auch für Wichtigtuerei, wenn man 24 Stunden am Tag rheinisch sprechen oder hinken würde.<BR><BR>Empfindet man nicht ein Gefühl der Scham, wenn man als Schauspieler so rasch zwischen Täter und Opfer pendeln kann?<BR><BR>Matthes: Unbedingt. Manchmal empfand ich mich als extrem anmaßend, wenn ich mir eine Hakenkreuzbinde anzog und behauptete: Jetzt bin ich Goebbels, und danach ließ ich mir die Haare abrasieren, streifte mir diese Zebrakluft über und sagte: Jetzt bin ich ein KZ-Häftling. Aber so ist Schauspielerei. Wenn man es verantwortlich macht, spürt man zwar dieses Unbehagen, aber man muss eben versuchen, immer wahrhaftig zu sein.<BR><BR>Denken Sie, dass Filme wie "Der Untergang" oder "Der neunte Tag" eine neuerliche, ernsthafte Diskussion anstoßen können, oder bleibt man beim "Gedenktage-Kitsch" hängen?<BR><BR>Matthes: Ich hoffe auf eine ernst gemeinte Auseinandersetzung. Es macht mich krank, Äußerungen hören zu müssen von "Auschwitz als Moralkeule" und "Das ist 60 Jahre her, irgendwann muss Schluss sein". Ich finde das emotionsfaul, denkfaul und irgendwie inhuman. Wenn man sich als politisch denkendes Wesen empfindet, hat man als Deutscher die Verantwortung, sich diesem Thema zu stellen. Ich bin nicht von Berufs wegen der Nazi-Aufarbeiter. Aber nur, weil wir nicht mehr die unmittelbare Täter-Generation sind, entlässt uns das nicht aus der Pflicht. Es waren nun mal unsere Vorväter. </P><P>Das Gespräch führte Urike Frick<BR></P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Vorwurf von Tierquälerei - Film-Premiere abgesagt
Los Angeles - Nach einem Tierquälerei-Skandal sind die Premiere und Pressetermine zu dem Hundefilm „Bailey - Ein Freund fürs Leben“ kurzfristig abgesagt worden.
Vorwurf von Tierquälerei - Film-Premiere abgesagt
Filmkritik zu „Personal Shopper“: In der totalen Einsamkeit
München - Olivier Assayas „Personal Shopper“ lebt von dem Talent seiner Hauptdarstellerin und driftet nicht in eine Grusel-Persiflage ab.
Filmkritik zu „Personal Shopper“: In der totalen Einsamkeit
Filmkritik zu „Verborgene Schönheit“: Zu viel Pathos
München - David Frankels Drama „ Verborgene Schönheit“ setzt zu sehr auf Symbolik und ein allzu schöngefärbtes Happy End.
Filmkritik zu „Verborgene Schönheit“: Zu viel Pathos
Der schweigsame Onkel: Filmkritik zu „Manchester by the Sea“
München - „Manchester by the Sea“ trumpft vor allem im zwischenmenschlichen Bereich auf. Es geht um Verantwortung und Familie.
Der schweigsame Onkel: Filmkritik zu „Manchester by the Sea“

Kommentare