Brave Polit-Botschaften

- Vergleichsweise behäbig setzt sich der diesjährige Berlinale-Wettbewerb in Bewegung. Auch jetzt ist noch kein klarer Favorit in Sicht. Viele Reinfälle gab es zwar auch nicht, doch wirkt die bisherige Auswahl zu brav und zu sehr an - überdies nicht anstößigen - politischen Botschaften orientiert.

<P>Erwartungsgemäß erwies sich Patty Jenkins "Monster" als einer der interessantesten Beiträge: die Geschichte eines Serienkillers aus der weißen Unterschicht. Das wohl für viele Beunruhigendste: Es geht um eine Frau. Erzählt wird das Schicksal von Aileen Wuornos getreu der wahren Gegebenheiten als unaufhaltsamer Abstieg, das Leben als Höllenfahrt. Jenkins gelingt das Kunststück, dass der Betrachter Mitgefühl für einen in jeder Hinsicht abstoßenden Menschen hat. Und der Hauptdarstellerin Charlize Theron gelingt es, diese Frau glaubhaft und eindringlich zu gestalten. Man kann kaum annehmen, dass dieser Schauspielerfilm am Ende ohne Preis ausgeht.<BR><BR>Preiswürdig ist auch "Beautiful Country" von dem Dänen Hans Petter Moland, zum Teil in Vietnam und in den USA spielend. Ein gefühlvolles, elegisch inszeniertes Drama einer Vatersuche, mit Anklängen an Terence Malick. Damien Nguyen, Nick Nolte und Tim Roth spielten die Hauptrollen. Auch bei anderen Filmen halfen Darstellerleistungen, den oft etwas flachen und vorhersehbaren Geschichten etwas  mehr  abzugewinnen.<BR><BR>Nur die Schauspieler konnten überzeugen</P><P>Der zweite dänische Film, das Dogma-Werk "Forbrydelser" von Annette K. Oelsen, ist ein Melodram um eine Priesterin in einem Frauenknast und eine Insassin, die offenbar das "zweite Gesicht" besitzt. Was ruhig und dokumentarisch beginnt, wird zum satten Melodram, das sich am Ende leer läuft - wären da nicht mit Vinterberg-Star Trine Dyrholm und Ann Eleonora Joergensen zwei glänzende Hauptdarstellerinnen.<BR><BR>Gute Gesinnungen und Namedropping, diese Kombination soll offenbar das Erfolgsrezept eines Wettbewerbes sein, der hinter dem des Vorjahres bisher zurückbleibt, vor allem weil die Überraschungen fehlen. Einzige Ausnahme: "The Missing" von Ron Howard. Nach Kevin Costners "Open Range" ist dies binnen sehr kurzer Zeit ein weiterer Western; da zurzeit viele gedreht werden, sprechen manche schon von einer Renaissance des Genres. </P><P>Weniger elegisch, auch weniger lahm als Costners Film, ist "The Missing" keine nostalgische Hommage an eine für alle Zeit vergangene Männerwelt, sondern ein ganz gegenwärtiger, zeitgemäßer Film: ein Thriller mit mystischen Elementen, dabei fast ein Post-Western, der jenseits der Klassiker in der Nachfolge von Ford und Hawks auch vom Italo-Western gelernt hat und ein düstereres, härteres, schmutzigeres aber wohl auch realistischeres Bild des Westens zeigt. Es erinnert an den "Blutigen Meridian" der Romane Cormac McCarthys.<BR><BR>Als ein junges Mädchen 1885 von Indianern in Richtung Mexico entführt wird, um an dortige Bordelle verkauft zu werden, macht sich dessen Mutter mit der zehnjährigen zweiten Tochter auf die Suche. Bald ist die Frau auf die Hilfe ihres Vaters angewiesen, von dem sie eigentlich nichts mehr wissen wollte. Im Verlauf des Geschehens wird die Verfolgung erwartungsgemäß zu einer Reise ins Innere der Figuren, in der es um Versöhnung, Erlösung und urmenschliche Toleranz geht. Die besten Auftritte haben hier einmal nicht die Hauptdarsteller: Tommy Le Jones wirkt stoisch und solide wie immer, während Cate Blanchett in Wahl und Gestaltung ihrer Rollen allmählich in die Meryl Streep-Falle tappt: nur noch bigotte, männerfeindliche, "reine" Frauen zu spielen. Eindrucksvoll schurkisch ist dagegen Eric Schweig. </P><P>Tapfer Evan Rachel Wood als ältere Tochter. Zur eigentlichen Hauptfigur und Antriebskraft des Films wird aber zunehmend die kleine Tochter Dot, wunderbar und bezaubernd gespielt von Jenna Boyd.</P><P><BR>Noch also bleiben weniger die Regisseure in Erinnerung als die Darsteller, doch in der zweiten Hälfte der Filmfestspiele spricht vieles dafür, dass sich auch Regieleistungen in den Vordergrund schieben.</P>

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