Bruno, der Antiheld

- 5000 Euro sind eine Menge Geld. Wenigstens für den 20-jährigen Kleinkriminellen Bruno (Jérémie Renier), der für diesen Betrag seinen vor wenigen Tagen geborenen Sohn verkauft. Eine schreckliche, verabscheuungswürdige Tat. Und doch gelingt es den Brüdern Jean-Pierre und Luc Dardenne, im Zuschauer Empathie für Bruno zu wecken. Mitgefühl mit einem, den die Umstände zu dem gemacht haben, was er ist, aber nie sein wollte.

Wie in allen Spielfilmen der belgischen Brüder Dardenne hat das Leben hier schon die jungen Leute gezeichnet. Bruno, der scheinbar emotionslos durch den trotz seiner nüchternen Strenge beeindruckend gefühlvollen Spielfilm stromert, ist kein wirklich unangenehmer Typ. Ein wenig orientierungslos vielleicht, sehr infantil und unbedarft, immer zu sehr auf der Suche nach dem schnellen Geld.

Das bekommt auch seine Freundin Sonia (Dé´borah Franç¸ois) zu spüren, als sie sich nach der Einbindung mit Söhnchen Jimmy auf dem Arm auf die Suche nach dem Kindsvater begibt. Die gemeinsame Wohnung hat Bruno nämlich inzwischen aus Geldmangel untervermietet, und so bleibt der frisch gebackenen Kleinfamilie vorerst nur das Obdachlosenasyl.

Vom Kindskopf zum Mann

Aber einen wirklichen Vorwurf kann man Bruno nicht machen. Zwischendurch rührend um Sonia bemüht, entspringt die Idee des Baby-Verkaufs eher einer Laune als einer überlegten Aktion. Erst als Sonia völlig zusammenbricht, setzt bei Bruno sukzessive eine Veränderung ein. Und ganz am Ende wird klar, dass die Brüder Dardenne mit ihrem Filmtitel nicht das Baby Jimmy meinten, um das sich alles dreht sondern der Anti-Held Bruno, der allmählich vom sorglos in den Tag hinein lebenden Kindskopf zum vernünftig handelnden Erwachsenen reift.

"L'Enfant/ Das Kind" zeigt in entsättigten und dadurch sehr distanziert wirkenden Farben, was passieren kann, wenn Kinder, die zu früh erwachsen sein mussten, plötzlich Eltern sein sollen. Schon in "Rosetta", der engagierten Sozialstudie rund um ein junges Mädchen aus der Unterschicht, rückte die Kamera den Hauptdarstellern ganz nahe auf den Leib und beobachtete die Personen auch bei den alltäglichsten Verrichtungen sehr ausführlich. Die Dokumentarfilmer-Herkunft der Dardennes ließ sich nicht verleugnen. Der Jury in Cannes war dieser spröde, schwer zugängliche Spielfilm, der an die kritischen Milieustudien der britischen Free Cinema-Bewegung eines Ken Loach oder Mike Leigh erinnerte, 1999 die Goldene Palme wert. Produktionen wie "Das Versprechen" oder "Der Sohn" bestätigten ebenfalls den sachlich-kühlen, aber umso engagierteren Blick der Dardennes auf die Welt.

Auch in "Das Kind" blieben die Brüder, wie die Regisseure zuhause in Belgien genannt werden, ihrem typischen Stil treu. Und kassierten im Frühjahr ihre zweite Goldene Palme dafür. Wieder dreht sich alles um Familie, um Eltern und Kinder und um die Lebensbedingungen gesellschaftlicher Außenseiter. Jean-Pierre und Luc Dardenne sind nach wie vor unverbesserliche Moralisten, die in ihrem äußerst präzise gefertigten, rauen Film voller Widerhaken und messerscharfer Dialoge der Frage nachgehen, was ein menschenwürdiges Dasein eigentlich ausmacht.

Die Kamera sitzt den Akteuren diesmal nicht mehr ständig auf dem Schoß. Stattdessen ist das Bemühen um eine deutliche Distanz zu Brunos Verhalten zu erkennen. Aber gleichzeitig verströmen die schnell geschnittenen Bilder einer wackeligen Handkamera auch enorme Sympathie für einen, der bisher stets am Rande der Gesellschaft lebte und einfach nicht gelernt hat, sich fürsorglich und sozial kompatibel zu verhalten. (In München: Atelier, Theatiner i. O.)

"L'Enfant/ Das Kind"

mit Dé´borah Franç¸ois,

Jé´ré´mie Renier

Regie: Jean-Pierre und

Luc Dardenne

Hervorragend

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