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Enthüllende Gespräche über die Familie: Karoline Herfurth als Tochter und Josef Bierbichler als ihr Porträtist.

Schauspielerisch exzellent und elegant komponiert

Caroline Links neues Werk „Im Winter ein Jahr“

München - Nur ein leises Atmen ist zu hören. Eine junge Frau schläft. Sanft ruht ihr Arm auf einem Kissen. Teile eines Körpers sind zu erkennen. Die Kamera gleitet gemächlich an Bettlaken, Haaren, Haut und Kleidung vorüber.

Sehr sanft und sinnlich ist diese Eingangsszene komponiert. Der ruhende Frauenkörper überlappt sich allmählich mit einer anderen Gestalt. Einem jungen Mann, der selbstvergessen zu Musik aus dem Kopfhörer in Schneeflocken tanzt. Dann fügen sich die Bilder zusammen: Lilli (Karoline Herfurth) erwacht, tritt ans Fenster und beobachtet ihren Bruder Alex (Cyril Sjöström) dabei, wie vollkommen kindlich-unverstellt er sich im Garten der Eltern über den ersten Schnee freut. Dass es sich dabei um Erinnerungen Lillis handelt, erfährt man als Zuschauer erst nach und nach.

Im Winter ist es ein Jahr her, dass Alex starb. Selbstmord, weiß die Schwester. „Ein Jagdunfall“, erklärt die Mutter Eliane Richter (Corinna Harfouch), eine erfolgreiche Innenarchitektin, deren Psyche ebenso energisch aufgeräumt erscheint wie ihr riesiges Haus am Münchner Stadtrand. Die Mutter möchte ein Porträt ihrer Kinder anfertigen lassen und sucht aus diesem Grund den Maler Max Hollander (Josef Bierbichler) auf. Den Sohn möge er nach Fotos und ihren Angaben malen, die Tochter nach ein paar Sitzungen in seinem Atelier. Doch Lilli erweist sich als störrisch, will sich ins Projekt der Mutter nicht einspannen lassen. Erst in langen Gesprächen zwischen Hollander und der Tochter lüpft Link langsam den Vorhang, um das eigentliche Drama dieser Familie preiszugeben.

Auf den ersten Blick ist nicht ganz klar, was Link dazu bewogen haben mag, unbedingt und von vielen Schwierigkeiten begleitet den Roman „Aftermath“ von Scott Campbell zu verfilmen. Ein bisschen viel aufdringliche Symbolik um die Themen Verlust, Trauer und Familie steckt in der Geschichte. Der Plot droht, in den kitschigen Abgrund zu rutschen. Doch Link bewahrt souverän Ruhe und Balance, tariert mit hoher kompositorischer Finesse und stilistischer Eleganz den emotionalen Überhang wieder aus.

Wie schon in „Jenseits der Stille“ und „Nirgendwo in Afrika“ erzählt sie eine Familiengeschichte. Es geht um Menschen, die sich lieben, und die schier unüberwindlichen Hindernisse, die ihnen dabei im Weg stehen. Die Kamera-Arbeit ist diesmal noch ausgefeilter, auf gewisse Weise „vorausdenkender“ als in den ebenfalls bildgewaltigen früheren Werken Links. Bildausschnitt, Kamerafahrt, Licht und die gerne in Großaufnahme abgefilmten Gesichter der exzellenten Darsteller nehmen manche Perspektive oder Lösung vorweg, auf die Links Figuren erst kommen müssen.

„Im Winter ein Jahr“ ist altmodisch im besten Sinn des Wortes, da er sich fast ausschließlich auf die Kraft seiner Schauspieler verlässt. Völlig zu Recht. Den sonst im Kino oft zu dominanten Bierbichler hat Link auf geniale Weise gezähmt, Harfouch und Hanns Zischler als ihr Ehemann garantieren Momente höchster Intensität. Die Überraschung ist allerdings Karoline Herfurth. Der ehemalige Teeniestar hat sich, nach einigen zu wenig beachteten Kino- und Fernsehauftritten, mit der Rolle der verwaisten Schwester, die langsam wieder Boden unter den Füßen gewinnt, in die oberste Liga der deutschen Darstellerinnen gespielt. (In München: Mathäser, Cinemaxx, Arri, Gloria, Münchner Freiheit, Eldorado, Rio.)

„Im Winter ein Jahr“

mit Karoline Herfurth, Josef

Bierbichler, Corinna Harfouch

Regie: Caroline Link

Sehenswert

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