Als der Clown weinte

- Wie alle guten Clowns hat Jerry Lewis traurige Kinderaugen und trägt die endlose Sehnsucht in sich, akzeptiert zu werden. Aber die Anerkennung wurde ihm lange versagt, und nun ist es zu spät. Wenn Jerry Lewis am 16. März seinen 80. Geburtstag feiert, werden alle Lobeskränze flechten, jetzt, wo der von Herz- und Nervenkrankheiten gezeichnete Lewis nicht mehr arbeiten kann. Jahrzehntelang galt Lewis einfach als schriller Hampelmann, obwohl kein Geringerer als Charlie Chaplin ihm Genialität bescheinigte und Jean-Luc Godard ihn den einzig innovativen Filmemacher Hollywoods nannte.

Lewis trägt diese Missachtung wie eine schwärende Wunde in sich, auch wenn er das nie zugeben würde. Er will geliebt werden, also gibt er immerzu den gut gelaunten Narren, sobald das Scheinwerferlicht angeht. Das Talent, auf Kommando zu funktionieren, liegt ihm im Blut.

Als Joseph Levitsch wird er 1926 vor den Toren New Yorks in eine Varieté-Familie hinein geboren und steht mit fünf Jahren das erste Mal auf der Bühne. Im Frack will er den Schlager "Brother Can You Spare a Dime" vortragen. Aber er stolpert über ein Rampenlicht und erntet so den größten Applaus des Abends. Von da an ist er auf die Rolle des tollpatschigen Harlekins festgelegt. Kurz nach Kriegsende trifft er bei seiner Tingelei zufällig auf den Sänger Paul Dino Crocceti, der sich Dean Martin nennt. Der italo-amerikanische Frauenschwarm und der russisch-jüdische Zappelphillip Lewis tun sich zusammen und haben sofort Erfolg. Als gegensätzliches Duo ergänzen sie sich perfekt und bekommen eine Radio-Show. Gleich darauf werden sie von Hollywood entdeckt und haben von 1948 an einen Hit nach dem anderen.

Nach 16 Filmen zerbricht die Partnerschaft 1956. Lewis, privat ein mürrischer Perfektionist, und der lebensfrohe Martin kommen nicht mehr miteinander aus. Anfang der 60er ist Lewis mit selbst geschrieben und inszenierten Meisterwerken wie "Hallo Page" und vor allem "Der verrückte Professor" auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Jetzt, wo er die vollständige Kontrolle hat, ist seine besondere Qualität klar zu sehen. Es ist die schier unglaubliche Gewalt über seinen Körper und seine Gesichtsmuskeln, gepaart mit einer zutiefst menschlichen Sicht auf die Welt. Der Spaß geht fast immer auf Kosten von Lewis' Kunstfigur Jerry, die oft schlimmste Dinge durchleiden muss. Ein geradezu erschreckender Masochismus tritt da zutage und gelegentlich - wie beim Vorbild Chaplin - ein beunruhigender Hang zur Resignation. Trauriger Slapstick in gewisser Hinsicht, auch wenn Lewis seine Geschichten pflichtgemäß immer gut ausgehen lässt.

Aber die Melancholie wächst, 1972 bricht sie voll durch. Lewis dreht "Der Tag, an dem der Clown weinte". Die Geschichte um einen Komiker, der im Nazi-Deutschland wegen eines Hitler-Witzes im Konzentrationslager landet und dort jüdische Kinder auf dem Weg zur Gaskammer zum Lachen bringt, sorgt für einen Skandal. Der Film wird als geschmacklos verdammt - von Menschen, die ihn nicht gesehen haben - und nie öffentlich gezeigt. Die Laufbahn des Schauspielers scheint beendet.

Chaplin bescheinigte Jerry Lewis Genialität

Erst Martin Scorsese beschert ihm mit "King of Comedy", einer ätzenden Satire auf das Showbusiness, 1983 ein Comeback. Lewis überrascht mit einer ernsten Charakterstudie, genau wie später in Emir Kusturicas "Arizona Dream" (1993).

Aber chronische Gesundheitsbeschwerden lassen Lewis kaum noch die Kraft zu neuen Projekten. Erst seit der begnadete Kasper zur Untätigkeit verdammt ist, wird er über den grünen Klee gelobt. Von all den berufsmäßigen Besserwissern, die - und das ärgert Lewis maßlos - keine Ahnung davon haben, wie schwierig es ist, lustig zu sein. Wäre Jerry Lewis nicht ohnehin ein verzweifelter Misanthrop, er würde es spätestens an seinem 80. Geburtstag werden.

Münchner Filmmuseum: 16.3.-19.3. acht Spielfilme.

Fernsehen: 14.3., 23.15, BR: "König der Komödianten", Film; 15.3., 22.45 Uhr, ZDF: "Happy Birthday, Jerry Lewis", Talkshow mit Michael Mittermeier.

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