Tom Cruise - Hoffnung oder Belastung?

Los Angeles - Wem gehört Geschichte? Darf jeder Schauspieler jede Rolle spielen? Darum dreht sich die Debatte, die losbrach, nachdem klar war, dass Tom Cruise, amerikanischer Superstar und Scientology-Lautsprecher, den Hitler-Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg darstellen wird.

In Hollywood bereitet zurzeit Brian Singer ("Die üblichen Verdächtigen", "X-Men") die Dreharbeiten für seinen Thriller mit dem Arbeitstitel "Valkyrie" ("Die Walküre") vor. Der Film erzählt die Geschichte des gescheiterten Hitler-Attentats vom 20. Juli 1944 und wird vom "Studio Babelsberg" mitproduziert. Hier will man sich nicht dazu äußern, ob für das umstrittene Projekt deutsche Fördergelder beantragt werden. Die Rolle des Attentäters Graf von Stauffenberg besetzt Regisseur Singer mit dem bekennenden Scientologen Tom Cruise. Das empört - auch Stauffenbergs Sohn.

Parallel zur allgemeinen Aufregung hat das Bundesfinanzministerium Singer untersagt, im Berliner Bendler-Block zu drehen, an jenem Ort also, an dem Stauffenberg sein Büro hatte und wo er und weitere Verschwörer hingerichtet wurden. Die Begründung des Ministeriums leuchtet ein - man befürchtet, dass die Würde des Ortes leiden könnte, sollte er Filmkulisse werden.

Diese Entscheidung geißelt nun der Regisseur und Oscar-Gewinner Florian Henckel von Donnersmarck als "deutschen Verbotstrieb". Der Filmemacher ("Das Leben der Anderen") nennt in einem Beitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung Cruise "Deutschlands Hoffnung" und schreibt: Der Schauspieler "wird jetzt sein Superstar-Licht auf diesen seltenen glanzvollen Moment im düstersten Kapitel unserer Geschichte werfen.

Er wird dadurch allein das Ansehen Deutschlands mehr befördern, als es zehn Fußball-Weltmeisterschaften hätten tun können." Mit seiner Formulierung steht Henckel von Donnersmarck zwar knapp vor der beginnenden religiösen Verklärung des Amerikaners - dennoch lohnt es sich, über die Wechselwirkung zwischen dem Image eines Schauspielers und dem Charakter einer Rolle nachzudenken.

Lohnenswert vor allem dann, wenn die Rolle ihr Vorbild in einer Person der Zeitgeschichte hat. Oft wurden deren - angebliche oder tatsächliche - Charaktereigenschaften mit der Zeit zu Allgemeingut im kollektiven Gedächtnis einer Gesellschaft. Denn natürlich ist das Bild des "guten Deutschen", das manche in Stauffenberg erkennen, auch Projektion.

Und diese wird dadurch gestört, dass der Wunschdeutsche nun von einem Scientologen gespielt wird. Ein SPD-Politiker nannte die Besetzung gar einen "Schlag ins Gesicht aller aufrechten Demokraten" - zu denen Stauffenberg nie zählte.

Seit der Aufklärung im 18. Jahrhundert dürfen sich die Menschen in Europa und den USA darüber freuen, in säkularisierten Gesellschaften zu leben. Religion ist Privatsache. Oder, einfacher: Es ist völlig egal, woran der Barkeeper glaubt, der das Helle über den Tresen reicht - solange er sich im Rahmen der Gesetze bewegt und den Gast mit seinem Glauben in Ruhe lässt.

Bei Scientology sieht der Fall allerdings anders aus. Schließlich beobachtet der Verfassungsschutz die Sekte. Tom Cruise ist zudem nicht nur bekennender Scientologe (was sein Recht sein muss), er ist Werbeträger. Seine Bekanntheit dient immer auch der Sekte, und die von Cruise gespielten Helden können positiv auf die Hubbard-Jünger abstrahlen. Jeder wird auch an Scientology denken, wenn Cruise auf der Leinwand erscheint - so funktioniert PR.

Tom Cruise in der Rolle des Grafen von Stauffenberg als Deutschlands Hoffnung auszurufen, ist naiv. Es ist aber auch nicht Hollywoods Aufgabe, den Menschen bürgerliche Tugenden beizubringen. Die Forderung, Cruise dürfe den Stauffenberg nicht spielen, ist ebenso absurd. Soll er den Film machen - gut möglich, dass dann die Methoden von Scientology intensiver öffentlich verhandelt werden.

Michael Schleicher

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