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Ein Mann der Frauen: Curd Jürgens mit Schauspielerin Ira von Fürstenberg 1969 am Set von "Hello-Goodbye". Der deutsche Weltstar wäre am 13. Dezember 100 Jahre alt geworden.

Freund Gunter Fette erinnert sich

Curd Jürgens zum 100. Geburtstag: So war der deutsche Weltstar

München - Am Sonntag wäre Curd Jürgens 100 Jahre alt geworden. Nachlassverwalter und Freund Gunter Fette erinnert sich an den deutschen Weltstar.

Curd Jürgens, 1915 in München geboren und 1982 in Wien gestorben, war ein beeindruckender Jedermann bei den Salzburger Festspielen, war „Des Teufels General“, spielte in „Der längste Tag“ und gestaltete den James- Bond-Gegenspieler in „Der Spion, der mich liebte“. Der Münchner Gunter Fette (74) war seit 1973 Jürgens’ deutscher Rechtsanwalt und überdies ein guter Freund. Er pflegt den beruflichen Nachlass des Künstlers im Deutschen Filmmuseum in Frankfurt.

Am 13. Dezember wäre Curd Jürgens 100 Jahre alt geworden. Wie erinnern Sie sich an den Abschied von ihm?

Die Trauerfeier auf dem Wiener Zentralfriedhof war sein letzter großer Auftritt. Er hatte verfügt, am Abend bestattet zu werden. Er hatte eben Sinn für Inszenierungen. Ich erinnere mich, wie Tausende Menschen den Weg zu seinem Ehrengrab säumten, der von Hunderten von Fackeln erleuchtet war.

Curd Jürgens galt als der einzige männliche Weltstar aus Deutschland. Was machte seinen Ruhm aus?

Er hat sich, obwohl er sicher eine Idealbesetzung in Nazi-Propagandafilmen gewesen wäre, von denen nicht vereinnahmen lassen. Nach dem Grauen der Nazi-Herrschaft und des Krieges war er der Erste, der im internationalen Film den anständigen Deutschen verkörpert hat – allein mit seiner Darstellung von „Des Teufels General“.

Curd Jürgens zum 100. Geburtstag: Er verkörperte Weltläufigkeit wie kein anderer

Wie sehr half ihm dabei seine Weltläufigkeit?

Er verkörperte sie wie kein anderer. Es war seine grenzenlose, nicht durch nationale Herkunft und Zugehörigkeit eingeengte Denkweise. Er ging nicht als Deutscher in die Welt hinaus, sondern die Welt war sein Zuhause. Dementsprechend hat sein weltoffener Umgang mit den Menschen und seine unvergleichliche persönliche Ausstrahlung ihn überall auf der Welt populär gemacht und die Türen geöffnet. Hinzu kam sein ganz ausgeprägter Freiheitsdrang.

Sie waren auch nach seinem Tod noch oft Gast in seinem letzten Haus im französischen St. Paul de Vence bei Margie Jürgens.

Das stimmt, und sie hat dort alles so weitergeführt wie er. 15 Jahre nach seinem Tod wollte sie sich dann aber doch von diesem großen Anwesen trennen und hätte dazu natürlich das Haus auch von all den privaten Dingen räumen müssen. Hierzu gehörte das im Keller gelagerte berufliche Archiv von Curd Jürgens. Margie berichtete mir dazu von seiner Anweisung, das alles zu gegebener Zeit in den entleerten Swimmingpool zu werfen und anzuzünden. Sie sollte mit vielen Freunden feiern, wie sein Ruhm in Flammen aufgeht und erlischt.

Und wieso wollte er das?

Weil er sich selbst nie wichtig nahm. Er wusste, dass die Schauspielerei die flüchtigste  aller  Künste ist. So sehr dieser letzte Wille seinem Wesen entsprach – dieses eine Mal wollte und konnte ich ihm diesen Wunsch nicht erfüllen. Ich widersprach deshalb diesem Vorhaben ganz energisch und schlug Margie Jürgens vor, das gesamte Archiv dem Deutschen Filmmuseum in Frankfurt zu überlassen. Ich weiß noch, wie ich zum ersten Mal in den Keller stieg und in diese vielen Kisten griff. Das war, als taten sich unbekannte Welten auf: unendlich viele Fotos – von den Filmfestspielen in Cannes in den Fünfzigerjahren, mit Jean Cocteau, als das dortige Festival noch ein kulturelles Ereignis war. Dann viel Korrespondenz, berufliche und private. Darunter das Glückwunschtelegramm von Herbert von Karajan zur fünften Hochzeit von Curd Jürgens mit Margie.

Zum 100. Geburstag von Curd Jürgens: So war seine Liebesbeziehung zu Romy Schneider

Lange geheim blieb seine Liebesbeziehung zu Romy Schneider. Die beiden verbrachten eine besondere Zeit auf Cap Ferrat.

Romy Schneider war 19, er war ihr 23 Jahre älteres Vorbild. Zwei Wochen lang wohnte sie bei ihm an der Steilküste. Für ihn war es eine Backfischliebe, eine Jungmädchenschwärmerei. Er wollte das nicht ausnutzen. Romy war zu unschuldig für seine Welt. Sie sah wohl auch einen Ersatz für den Vater in ihm, den sie selbst ja nie richtig hatte. Doch trotzdem verband beide eine sehr intensive, wenn auch kurze Liebesbeziehung. Sieben Briefe von Romy fand ich in seinem Nachlass, allesamt mit brennenden Liebesbekenntnissen. Dazu ein Foto der beiden, auf dem sie in ihren Blicken ertrinken.

Wie erinnern Sie sich an Ihre erste Begegnung mit Curd Jürgens?

Vor über 40 Jahren stand ich ihm zum ersten Mal gegenüber, in seiner Penthouse-Suite im „Bayerischen Hof“ in München. Es war ein heißer Sommertag, und der 1,92-Meter-Mann empfing mich, den jungen Anwalt, nur mit einem Slip bekleidet auf dem Sofa. Mir schlotterten die Knie. Er bemerkte meine Unsicherheit, erhob sich kurz zur Begrüßung, um sich in der Hitze schnell wieder aufs Sofa fallen zu lassen. Dann zog er mit dem großen Zeh den Getränkewagen zu sich heran und sagte: „Nun lassen Sie uns erst mal was trinken!“ Es war seine Stärke, einer Situation jede Spannung zu nehmen – und seinem Gegenüber jegliche Befangenheit. Er hatte überhaupt keine Starallüren.

Er pflegte also privat nicht die große Geste, für die er in seinen Filmen berühmt wurde?

Er war ein völlig anderer Mensch, wenn er nicht öffentlich war.

Sein Lied „60 Jahre und kein bisschen weise“ erzählt davon: „Mag sein, er hing mir mal zum Halse raus, der Wirbel, den ich machte. Aber wenn ich ehrlich bin, ließ ich nichts aus, wenn es Schlagzeilen brachte.“

Ja, aber dieses Schlagzeilenmachen war reines Kalkül bei ihm. Er glaubte, das sei nützlich für sein Fortkommen. Und noch mehr für seine hohen Gagen, um seinen Lebensstil zu finanzieren. Absolute Spitzensätze von 800 000 Mark für einen Film. Das war völlig jenseits des damaligen Gagen-Niveaus in Deutschland.

Freund erinnert sich zu Curd Jürgens 100. Geburtstag: Er war hochsensibel

Noch ein Liedzitat von ihm: „Ich habe längst nicht immer nur gesiegt. Die Pose hat darüber weggetrogen...“ Er hat den Starken also nur markiert?

Markiert ist der falsche Ausdruck, aber diese Aussage ist sehr wahrhaftig. Er war hochsensibel, empfindlich, aber ihn trieb ein nie zu stillender Lebenshunger. Er war unendlich neugierig auf das Leben und die Welt. Er lebte jeden Tag, als sei es sein letzter.

Wieso traute sich Jürgens nicht, er selbst zu sein? Wovor hatte er Angst?

Vor dem Versagen. Beruflich und als Mensch. Er ging sehr selbstkritisch mit sich um. In seinen Tagebüchern, die ich im Nachlass fand, geht er hart mit sich ins Gericht. Da macht er sich selbst richtig nieder. Etwa im Umgang mit Frauen. Dass er immer die große Show veranstaltete. Was er den Frauen alles zumutete. Was er menschlich versäumte. Er hatte aber auch stets Zweifel an seinem Können.

Curd Jürgens ist seit 34 Jahren tot. Wie hat sich Ihre Erinnerung an ihn verändert, jetzt, kurz vor seinem 100. Geburtstag?

Gar nicht. Es hat sich überhaupt nichts verändert. Er ist mir immer noch so präsent ... (Schweigt lange und sehr berührt.)

Das Gespräch führte Tim Pröse

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