"Das sind begnadete Verkäufer"

Dokumentarfilm "Die Hochstapler": - Alexander Adolph (geb. 1965) studierte zunächst Jura. Nach dem zweiten Staatsexamen begann er aber als Filmemacher und Autor zu arbeiten. Unter anderem entwickelte er die ZDF-Serie "Unter Verdacht" mit Senta Berger. Für seine Drehbücher gewann er zwei Grimme-Preise und den Deutschen Fernsehpreis. Sein Film "Die Hochstapler" der morgen ins Kino kommt, erzählt von vier Betrügern und der Kunst der Lüge.

Jeder hat schon mal gelogen. Ist Hochstapelei ein allgemeiner Zug unserer Gesellschaft, die hier nur in gesteigerter Form auftritt? Oder ist diese Hochstapelei eine ganz eigene Verhaltensform, die nicht vergleichbar ist mit dem, was sonst passiert?

Sowohl - als auch. Das, was diese Hochstapler machen, kann nicht jeder. Das sind begnadete Verkäufer. Die andere Seite ist sicher, dass diese Männer genau das verkörpern, was einen Erfolgsmenschen, einen Supermanager ausmacht. Und schließlich ist es natürlich auch eine gesellschaftliche Realität, dass man sich durchaus besser darstellen soll, als man ist. In sozialen Zusammenhängen wird Authentizität eher bestraft. Das hat sehr viel mit einer bestimmten Form von Höflichkeit zu tun, die irgendwann dann in Notlügen besteht.

Wie würden Sie Ihre persönliche Haltung beschreiben?

Ich interessiere mich für die Oberfläche des Lügens. Das hängt damit zusammen, dass ich nicht vom Dokumentarfilm komme, sondern von der Fiktion und mir Geschichten ausdenke. Dieses Ausdenken ist Herstellung von künstlicher Realität. Lügen gibt Macht über die Leute, denen man Lügen erzählt. Aber auf einer anderen Ebene gibt es den Lügen viel Macht, weil man sich an die Lügen halten muss. Genau diese Oberfläche hat mich interessiert. Da ist jemand, der der Gesellschaft den Spiegel vorhält, ein fröhlicher Till Eulenspiegel. Und da ist diese tiefe Traurigkeit, die Vereinsamung, die Lüge, die einen isoliert.

Ist das Lügen für die Hochstapler wie eine Droge? Dass sie hochstapeln müssen, um diese Traurigkeit zu überwinden?

Ganz genau.

Es gibt auch andere Formen der Hochstapelei. Man denkt an die Politik. Sind manche Politiker - Rechtspopulisten wie Haider und Berlusconi - Hochstapler?

Populisten sind auch perfekte Verkäufer. Populismus hat sehr viel mit Verkaufen zu tun. Es ist die Frage des Populismus: Wie man Menschen dazu bringt, dass sie gemeinsam etwas herstellen. Diese Psychologie der Massen, die Politiker beherrschen und die behauptet: Ich bringe Menschen dazu, dass sie mir gehorchen, ich manipuliere.

Wenn man die Geschichten im Film sieht, dann denkt man mitunter: Wie haben die Leute das glauben können? Wie hat es funktioniert? Hochstapler sind gute Verkäufer, ok. Aber was ist ihr Trick?

Da gibt es eine Seite, die hat mit dem Verständnis der Menschen zu tun und ihrer Bedürfnisse: Dass diese Hochstapler ihrem Gegenüber genau das erzählen, was es hören will. Das hat, glaube ich, sehr viel mit einer eigenen inneren Offenheit zu tun. Das andere ist, dass es eine Form von gemeinsamen Mythen gibt. Das macht sehr viel aus. Der eine schafft eine Welt, und der andere geht in diese Welt mit. So schaffen die beiden eine gemeinsame Lügenmärchenwelt.

Gibt es eine Lust, ein Verlangen, betrogen zu werden?

Man kann das so sehen: Die Leute wollten es so, die sind zu gierig. Aber es ist auch etwas anderes. Ein Verlangen nach Zuwendung in einer Welt, die an bestimmten Zuwendungen geizt. In "Die Hochstapler" wird viel über Freundschaft, Männerfreundschaft und Liebe gesprochen. Da will jemand geliebt werden. Wenn das Opfer erzählt, wie es ausgenommen wurde, dann erzählt es auch die Geschichte einer Freundschaft. Das ist eine unglückliche Freundschaft, aber es ist eine Freundschaft.

Das Gespräch führte Rüdiger Suchsland.

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