Debütfilm: "Urlaub vom Leben"

- Rolf Köster hat eine Frau, zwei Kinder und arbeitet seit 16 Jahren in einer kleinen Bankfiliale. Er geht jeden Tag joggen, doch sein Bauch wird einfach nicht kleiner, und wenn er lächelt, sieht das immer ein bisschen gequält aus. "Ich brauche nicht viel, um zufrieden zu sein", sagt er zu Beginn des Films, "das kann nicht jeder von sich behaupten". Doch seinem Körper kann Köster nicht so leicht etwas vormachen. An einem seiner immer gleichen Arbeitstage bricht er mitten in der Bank zusammen - und bekommt vom Chef deshalb eine Woche frei, um sich zu erholen. Dieser Titel gebende "Urlaub vom Leben" ist das Zentrum des Debütfilms von Neele Leana Vollmar.

In vielen kurzen Szenen zeigt sie eine Kleinbürgerwelt, die einige Flecken hat. Die Mutter hat ein Verhältnis, die Tochter geht nachmittags am liebsten in die "Klapse", der Sohn läuft mit einem Helm herum und wird deshalb nicht eingeschult. Erst durch die Zwangspause des Vaters kommt Bewegung in die erstarrten Abläufe. Wobei Köster seine neue Freiheit zunächst ganz unangenehm ist. Schließlich landet er beim Umherirren im Taxi von Sophie, die mit ihrer überschwänglichen Art neue Saiten in ihm anschlägt.

Vollmar hat für ihren Abschlussbeitrag an der Ludwigsburger Filmhochschule eine wunderbare Besetzung gefunden. Gustav Peter Wöhler verleiht dem Biedermann mit Tiefgang eine beeindruckende Präsenz. Meret Becker scheint die Taxifahrerin auf den Leib geschrieben. Und in einer Nebenrolle als Bobby-Car-Verkäufer zeigt Lars Rudolph, dass keiner die ganz schrägen Vögel so hingebungsvoll spielen kann wie er. Die Dramaturgie könnte zwar mehr Tempo vertragen, die Symbolik wirkt mitunter etwas bemüht. Doch die Balance zwischen Melancholie und Komik stimmt.

(In München: Isabella, Arena.)

"Urlaub vom Leben"

mit Gustav Peter Wöhler, Meret Becker

Regie: Neele Leana Vollmar

Sehenswert

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