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Ein Hologramm von einer Traumfrau: Joi (Ana de Armas) wurde geschaffen, um Freude zu machen. Blade Runner K (Ryan Gosling) hat eine Version gekauft – und verliebt sich in sie.

Kritik zum neuen „Blade Runner 2049“:

Ein starkes Stück

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Denis Villeneuve gelingt mit „Blade Runner 2049“ eine virtuose und visuell höchst lohnende Fortsetzung von Ridley Scotts Film.

Er hätte scheitern können. Hämische Kritiker sahen sich schon in die Tasten hauen und Denis Villeneuve kräftig eins mitgeben. Eine Fortführung von „Blade Runner“ wollte er wagen? Diesem Meisterwerk von Ridley Scott, der mit seiner Mischung aus Science Fiction und Film noir eine neue Erzählweise schuf – und Fans, Kritikern und Wissenschaftlern so viel köstliches kreatives Futter zum Debattieren gab. Den wollte er mit einer Neuauflage entehren?

Von wegen. Kaum sind die Pressevorführungen gelaufen, verstummt jede Skepsis. Zurecht. Das, was der Kanadier mit „Blade Runner 2049“ kreiert hat, ist brillant. Beflügelt von Scott, der als Produzent seinen Segen gab, führt Villeneuve die Geschichte fort – mit so vielen unerwarteten Twists, philosophischen Gedankenimpulsen, visuellen Spielereien und herausragenden Schauspielern, dass man, berauscht vom ersten Sehen, denkt: „Der ist sogar besser als der erste!“

Das ist – allein der heutigen technischen Mittel wegen – natürlich ungerecht. Und sollte nicht der Anspruch sein. Villeneuves eigenes Ziel war, dass der Film auch ohne den Vorgänger funktioniert. Als eigenständiges Werk. Versetzt mit allerlei liebevollen Referenzen an Scott, die der Fan mit Freude erkennen wird. Das ist geglückt.

Wer Früchte ernten will, darf keine verbrannte Erde hinterlassen

Beide Filme sind Filme ihrer Zeit. Während „Blade Runner“ aus heutiger Sicht unverkennbar den Charme der Achtziger versprüht, erzählt uns „Blade Runner 2049“ viel über das Entstehungsjahr 2019. Die besten Zukunftsszenarien sind ja die, die auf die Gegenwart zurückweisen. In ihr wird der Samen gepflanzt, aus dem die Zukunft erwächst. Wer Früchte ernten will, darf keine verbrannte Erde hinterlassen.

Nichts anderes aber haben die Menschen getan. Die Welt 2049 ist noch grauer als die 30 Jahre zuvor. Mittlerweile ist ein neuer Blade Runner, K (Ryan Gosling), unterwegs, um nicht mehr zugelassene Replikanten-Modelle zu eliminieren. Wir erinnern uns: Replikanten sind künstlich hergestellte Menschen, die über größere physische und geistige Kräfte als diese verfügen und deshalb zur Gefahr wurden.

Die Frage, was das Menschsein ausmacht, führt Villeneuve virtuos weiter. Und noch mehr! War der damalige von Harrison Ford gespielte Titelheld in Wahrheit nicht doch auch selbst ein Replikant? Liebe Fans, ihr werdet die Antwort auf dieses viel diskutierte Rätsel bekommen. Während sich gleichzeitig immer neue Türen auftun. Man würde so gern erzählen, welche Clous sich Hampton Fancher diesmal mit Michael Green hat einfallen lassen. Sie halten uns über fast drei Stunden bei der Stange, provozieren, dass wir immer wieder umdenken, neu bewerten, Vorheriges infrage stellen müssen.

Popkulturelle Bezüge von Sinatra bis Elvis

Villeneuve ist ein Filmemacher alter Schule. Statt seine Schauspieler pausenlos vor Green Screens zu stellen, hat er echte Kulissen geschaffen. Technische Hilfsmittel setzt er nicht der Effekthascherei wegen ein, sondern nur, wenn es die Geschichte bereichert.

Wie bei Joi (Ana de Armas), diesem Hologramm von einer Traumfrau. Ein hübsches Püppchen, geschaffen, dem Manne Freude zu bereiten. Wenn K sie anschaltet, erklingt Prokofjews Thema aus „Peter und der Wolf“. Fragt sie ihn, ob er etwas lesen möchte, hält sie, diese Lolita, wie sie einst Vladimir Nabokov beschrieben hat, ausgerechnet das Buch „Fahles Feuer“ hoch – ein weiteres Werk Nabokovs. Es sind diese vielen Zitate, die Villeneuve beiläufig einstreut, die schon den Vorgänger so reizvoll machten. Popkulturelle Bezüge von Sinatra bis Elvis, alte Zeugnisse für kulturelle Errungenschaften wie Instrumente, Gemälde, Büsten – der Regisseur setzt sie ein als Symbole der Hoffnung in einer erkalteten Welt, in der man nicht mehr weiß, was echt, was unecht, was schöner Schein, was Wirklichkeit ist. Was wahres Gefühl und was gespielte Zuneigung. Als Zuschauer fühlt man sich manches Mal ertappt: Welchen Bildern folgen wir heute schon kritiklos und nutzen sie als Pausvorlagen unseres eigenen Selbstbildes? Wer wagt Individualität und wer repliziert nur kritiklos den Geist der Zeit?

Villeneuve nimmt sich den Raum, Gedanken wie diese entstehen zu lassen. Indem er seinen Figuren Raum gibt. In einem der erschütterndsten Momente wird die Szene minutenlang von Geräuschen nahender Bomber unterlegt – doch was einschlägt, ist keine Bombe, sondern eine Erkenntnis. Die seelische Leiden erzeugt, die stärker schmerzen als körperliche. Jedenfalls den, der ein Gewissen hat. Das ist es wohl, was das Menschsein ausmacht. Verlieren wir die Fähigkeit zur Empathie und zur Mit-Menschlichkeit, endet jeder Humanismus, und die Welt wird grau. Wenn Science Fiction uns daran erinnert, ist sie mehr als Unterhaltung. So wie dieses starke Stück.

„Blade Runner 2049“
mit Ryan Gosling, Harrison Ford
Regie: Denis Villeneuve
Laufzeit: 163 Minuten


Lesen Sie auch unser Interview mit Harrison Ford zum neuen Film

Hier finden Sie den deutschen Trailer zu „Blade Runner 2049“

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