"Der Held, den ich am meisten liebe"

Cannes - Pyramiden, Wasserfälle, Naturvölker, Ameisen und Ufos ­ Steven Spielbergs Kino ähnelt immer mehr einem großen Freizeit-Themenpark, an dem an jeder Ecke ein neues Universum lauert. Man würde sich spätestens nach Spielbergs viertem "Indiana Jones"-Abenteuer auch nicht mehr wundern, wenn es sein armer, längst der Profession entfremdeter Archäologe auch noch mit Sauriern und weißen Haien zu tun bekäme.

"Indiana Jones ­ das ist einfach die Summe meiner Eitelkeiten und Schwächen. Es ist meine ganz persönliche Konzeption eines Kinohelden." Vielleicht bringt dieser Satz von Steven Spielberg mehr auf den Punkt, als es der Regisseur wahrhaben möchte. Seit gestern ist sein Mann mit Bullenpeitsche, Schlapphut und den coolen Sprüchen zurück. In den letzten Tagen vor der Weltpremiere am Sonntagabend bei den Filmfestspielen von Cannes hatte der Wirbel um "Indiana Jones and the Kingdom of the Crystal Skull" (Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels) seinen Höhepunkt erreicht und auch ein paar groteske Züge bekommen. Jetzt ist der Kater aus dem Sack, und das Gefühl beim Zuschauer ähnelt dem nach einem Weihnachtsfest, bei dem die Vorfreude schöner war als die Bescherung.

Ein älterer Herr will es nochmals wissen ­ darum geht es für Indiana Jones, jener merkwürdigen Kreuzung aus Wissenschaftler und Actionheld. Und darum geht es auch seinem Regisseur, der wiederum eine undurchschaubare Mischung aus Industrie-Ingenieur und Autorenfilmer ist. Bei der Pressekonferenz in Cannes sprach Spielberg vor allem über seine Überlegungen bei diesem Recycling einer Kinofigur, die nach ihrem dritten und letzten Auftritt 1989 längst auf dem Schrottplatz der Leinwandhelden-Geschichte gelandet schien: "Es konnte nicht darum gehen, einfach so weiterzumachen wie in den 80er-Jahren. Wir mussten die Atmosphäre wiederfinden und dennoch etwas völlig Neues herstellen." "Für mich hat der Spaß an der Figur den Reiz ausgemacht, zu ihr zurückzukehren", ergänzte Hauptdarsteller Harrison Ford, "und natürlich die Lust daran, wieder mit Steven Spielberg zu arbeiten".

Lust und Spaß merkt man dem Film durchaus an: In 124 Minuten erlebt man einen kurzweiligen Anfang, der sich dann doch dehnt, bevor der Streifen ansatzweise seine Handlung findet. Die dreht sich um einen merkwürdigen Kristallschädel, der magnetische Kräfte entwickelt. Wie sich herausstellt, stammt der Schädel von Außerirdischen. Je nachdem, ob man nun Esoteriker ist, an Aliens glaubt und Erich von Däniken schätzt, wird man der zunehmend abstrusen Handlung viel abgewinnen. Oder wenig.

Von jedem Realitätsbezug und erzählerischer Seriosität, falls man dergleichen bei einer "Indiana Jones"-Folge überhaupt noch erwartet, muss man sich schon zu Beginn verabschieden, als der Titelheld einen Atombombentest in der Wüste von Nevada unbeschadet übersteht, weil er sich in einem Kühlschrank versteckt. Das Ende allerdings, bei dem ein Ufo aus einer Maya-Pyramide heraus in den Himmel startet, erinnert außer an Spielbergs kuriose Privatmythologien aus "E.T." und "Unheimliche Begegnung der Dritten Art" verdächtig an Roland Emmerichs unfreiwillig albernen Mythenmix "10.000 BC".

Noch am meisten Spaß macht dem Zuschauer der Auftritt von Cate Blanchett als stalinistischer Domina im Dienst der Sowjetunion ­ "Indiana Jones" spielt schließlich 1957. Blanchett gibt sie in der Tradition von Greta Garbos kühl lächelnder "Ninotschka", muss ihre Figur indes hier im Alien-Feuer verglühen lassen. Die Zeit der frühen Atombombentests und der McCarthy-Ära dient Spielberg auch dazu, seine politischen Ansichten in 50 Jahre alte Kostüme zu kleiden: Deutlich spielt die Paranoia der Kommunistenhatz, die Indiana Jones außer Landes zwingt, auf George W. Bushs "War on Terror" an.

Unabhängig davon aber lässt sich, wenn man die Eindrücke zwischen atemlosen Verfolgungsjagden, menschenfressenden roten Ameisen und kleinen grünen Männchen geordnet und einmal durchgeatmet hat, eines sagen: "Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels" ist ein Film ohne echte Überraschungen. Und das ist nach all der Erwartungsfreude zu wenig. Noch einmal hat sich Spielberg einen persönlichen Kindergeburtstag gegönnt: "Das ist der unter meinen Helden, den ich am meisten liebe."

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