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Zwei großartige Schauspieler: Kate Winslet und David Kross in "Der Vorleser"

"Der Vorleser" im Kino: Film-Kritik, Fotos und Trailer

Für ihre Leistung in Stephen Daldrys "Der Vorleser" hat Kate Winslet den Oscar erhalten. Sie ist aber nicht die einzige, die in dem Film glänzt: Ein deutscher Schauspieler bietet ihr Paroli. Am Donnerstag startet "Der Vorleser" in den deutschen Kinos.

Eine Geschichte über Liebe, über Verrat, über Schuld und Schuldabtragung, ein Werk über Vergangenheitsbewältigung – all das musste die Verfilmung von Bernhard Schlinks „Der Vorleser“ werden. Schon durch die Fülle der Motive, aber auch weil der Handlungsbogen über fast 40 Jahre reicht, ist dies ein schwieriger Stoff. Regisseur Stephen Daldry („Billy Elliot“) hat ihn mit Anstand und Sensibilität, allem voran aber mit zwei großartigen Hauptdarstellern.

Im Zentrum steht die Generation der Deutschen, die zu jung war, um im „Dritten Reich“ zu Tätern zu werden. Dass auch sie im Schatten von Auschwitz kein unbelastetes Leben führen konnten, ist die These des Films. Unmöglich ist es für Hauptfigur Michael Berg.

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David Kross („Krabat“) spielt ihn glänzend und ungeheuer differenziert als Jüngling, der in den 50er Jahren durch Zufall Hanna kennenlernt, Anfang 30, die seine Liebhaberin wird. Für Michael ist diese erste Liebe verbunden mit der Erfahrung, mit der Älteren auf Augenhöhe zu stehen. Denn so wie sie im Bett zu seiner Lehrerin wird, wird er es intellektuell: Offen genießt sie es, wenn ihr der Gymnasiast Passagen von Lessing und Kafka, aber auch „Tim und Struppi“ und „Lady Chatterly“ vorliest. Hier ist Daldrys Film am stärksten und bei sich, hier kann er ein unschuldiges Glück zelebrieren, das Hier und Jetzt der Liebe.

Ansonsten ist alles weniger fröhlich: Immer wieder bricht im Antlitz der jungen Frau Härte und Verbitterung hervor, wird ein Geheimnis spürbar. Sie erzählt wenig von sich, doch wer genau beobachtet, kann erkennen, dass sie offenbar nicht lesen kann. Eines Tages ist Hanna plötzlich verschwunden. Erst Jahre später wird Michael sie wiedersehen: Er studiert in Heidelberg Jura, und besucht mit seinem Professor (Bruno Ganz) einen Prozess gegen ehemalige KZ-Wärter. Unter den Angeklagten: Hanna, sie bekennt sich schuldig des Mordes an über 300 jüdischen Häftlingen. Als Einzeltäterin wird sie unter anderem deshalb verurteilt, weil sie aus Scham ihr Analphabetentum nicht gesteht.

Der Trailer zum Film

Michael ist tief getroffen. Der Film zeigt Debatten über Gerechtigkeit, er zeigt auch, wie Michael sich von seiner Liebe abkehrt, sie weder entlastet noch Kontakt zu ihr aufnimmt. Erst nach Jahren beginnt er ihr Texte auf Cassetten zu lesen und in die Zelle zu schicken.

In der zweiten, schwerblütigen Hälfte findet der Film nicht immer den richtigen Ton. Im Vergleich zum Buch legt Daldry stärkeres Gewicht auf Hanna. Doch die Hauptfigur bleibt Michael, der über Jahrzehnte mit dem Erschrecken und dem Schuldgefühl ringt, eine Mörderin zu lieben. Das ist das Brisante: Gerade weil seine Liebe zu Hanna nicht aufhört, wird Michael bewusst, dass er selbst sich nicht unschuldig fühlen darf. Hier gelingt nicht immer alles, auch weil Ralph Fiennes den alternden Michael zu weinerlich spielt, als deutschen Patienten. Und weil der Film auch sentimentales Gefühls-Kino sein will, seine Qualitäten aber woanders hat.

Der Film hatte eine schwierige Produktionsgeschichte: Für die Hauptrolle hatte Nicole Kidman zugesagt. Doch wegen ihrer Schwangerschaft, und um „Australia“ zu drehen, sagte sie ab. Nun bekam Kate Winslet eine Rolle einen Oscar, für die sie nur zweite Wahl gewesen war. Aber wieviel macht sie aus dieser Rolle! Winslet trägt den Film mit ratlos-traurigem Blick. Schuldgefühl und Scham sind hier erkennbar. Das Grauen aber sieht man in einigen prägnanten Augenblicken auf dem Gesicht von David Kross. „Der Vorleser“ ist auch sein Film, ein Film über verlorene Unschuld.

Rüdiger Suchsland

„Der Vorleser“
mit Kate Winslet, David Kross
Regie: Stephen Daldry
Sehenswert, 4 von 5 Sternen.

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