Detektiv der eigenen Empfindungen

- Carina Lau steht in einer Tür und raucht - die Zeitlupe gibt alle Zeit der Welt, sie zu betrachten. Sie spielt Lulu, eine kokette Nachtklubhostess aus Singapur. Ein andermal sieht man Faye Wong, die in ihrer chinesischen Heimat vor allem als Sängerin und "Björk Asiens" gefeiert wird. Die Kamera zeigt nur ihre zarten Füße, wie sie auf dem Boden selbstvergessen imaginäre Muster zeichnen. Noch etwas später begegnet man Zhang Ziyi. Ein junges Mädchen, das erst spielerische Verführerin ist, dann unglücklich Liebende, das reifen wird an einer Erfahrung, die sie für ihr Leben zeichnet: Wong Kar-wais "2046" ist nicht zuletzt klassisches Starkino.

<P>Mit Glamour stellt der Regisseur die Schönheit seiner Akteure aus, die auch die Schönheit des Kinos ist, feiert sie in emotionstrunkenen Hommagen, in Sehnsuchtsbildern voller Geheimnis. Für Wong Kar-wai sind die Schauspieler kein Mittel zum Zweck, sie sind, die Frauen vor allem, der Zweck des Kinos selbst. Es beginnt in Hongkong, Ende der Sechziger, doch die Handlung wird immer wieder unterbrochen von Ausflügen in Zukunft oder Vergangenheit, in Erinnerung und Fantasie. "2046" ist die atemberaubende Geschichte einer unmöglichen Liebe, fragmentarisch erzählt, in assoziativen, aber nuancierten Bildern, die sich gemeinsam mit der genauen Farbdramaturgie, mit Dialog- und Gedankenfetzen und Musik zu einem dichten atmosphärischen Teppich fügen.<BR><BR>Im Zentrum steht Chow, Journalist und Autor von populären Stories, ein Flaneur der Liebe, ein Detektiv der eigenen Empfindungen. Gespielt wird er in all seiner charme-ummantelten, kühlen Tristesse von Tony Leung. Er ist ein naher Verwandter jener Figur, die Leung in "In the Mood for Love" spielte, aber kälter, hoffnungsloser - "in the mood for no more love". Chow schläft zwar mit vielen Frauen, doch Gefühle lässt er nicht zu, auch dann nicht, als ihm die Liebe begegnet. Um diesen Kern sind mehrere andere Episoden gelegt; Erlebnisse Chows und Geschichten, die er schreibt. Ein Film wie ein Bewusstseinsstrom - die Historie Hongkongs scheint immer wieder in kurzen Dokuszenen auf. Der Titel "2046" verweist unter anderem auch auf das Jahr, in dem der 50 Jahre währende Sonderstatus von Hongkong endet. <BR><BR>Sanft streicht die Kamera durch die engen Räume, fast ständig in Bewegung fängt sie wie beiläufig knappe Beobachtungen ein, Blicke, bewegt sich im Rhythmus der Musik. Ein Tanz mit dem Zuschauer, ein Spiel mit der Grenze zwischen Kino und Leben, mit der Erinnerung und mit Zeichen, die man entschlüsseln kann, aber nicht muss. Wenig Berührenderes war zuletzt im Kino zu sehen: "2046" ist die Verdichtung aller Werke Wong Kar-wais, ein meisterhaft gemachter Film: Bilder, die immer einen Mehrwert haben, eine Aussage, die sich nicht allein in Worte fassen lässt, sondern nur in Gefühle. In seinen Filmen schauen wir einem Regisseur beim Fühlen zu und beim Erinnern, beim Nachdenken über das Kino selbst.<BR><BR> (In München: Münchner Freiheit, City, Arena, Cinema i.O.)<BR>"2046"<BR>mit Gong Li, Tony Leung<BR>Regie: Wong Kar-wai<BR>Hervorragend</P>

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