Das deutsche Kino ist nicht zu übersehen

Cannes: - Ein Vater macht einen Fehler, sein Sohn versucht, ihn wieder gut zu machen. Eine Tochter sucht vergeblich ihre Mutter und findet eine Ersatzfamilie. Eine Mutter erkennt nach dem Tod ihrer Tochter neue Gemeinsamkeiten und übernimmt deren Aufgabe: Wer das liest, könnte den neuen Film von Fatih Akin für schwerblütig und konstruiert halten.

Doch bei allem Ernst und Facettenreichtum dieses Schicksalsreigens von drei Familien ist "Auf der anderen Seite" ein federleichter, überaus klarer Film geworden - filmisch Akins bisher bestes Werk. Es handelt auch vom Hin- und Hergerissensein zwischen Herkunft und Zukunft, vom deutschen Asylrecht und vom politischen Widerstand in der Türkei.

Für seine Geschichte findet Akin eine schöne, ruhige Bildsprache - mit "Auf der anderen Seite" ist dieser Regisseur offenkundig dort angekommen, wo er als Filmemacher hinwollte: Im Wettbewerb von Cannes und in der idealen Position eines Mittlers zwischen den Kulturen, der nie moralisiert und beim Festival gleichermaßen als genuin deutscher und genuin türkischer Regisseur wahrgenommen wird.

Dass das deutsche Kino an der Croisette nicht zu übersehen ist, liegt nicht allein an ihm: Für Furore sorgte in der "Quinzaine" Jan Bonnys "Gegenüber". Das Debüt des Kölner Filmstudenten ist ein ungewöhnliches Drama, das hinter der Fassade normaler ehelicher Abnutzung eine Hölle freilegt. Matthias Brandt glänzt in der facettenreichen Darstellung eines schwachen "starken Mannes", und auch Viktoria Trauttmannsdorff besticht mit Intensität. Eine nervöse Handkamera spiegelt seelische Zersplitterungen.

Robert Thalheim, der mit "Netto" bekannt wurde, dramatisiert nun eigene Erlebnisse als Zivildienstleistender in Auschwitz. "Am Ende kommen Touristen" erzählt von der Banalisierung des Terrors im Alltag der Holocaust-Industrie.

Obwohl Fatih Akin durchaus ein Preis zuzutrauen ist, waren drei Filme bisher die größten Aufreger im Wettbewerb: Der formal bestechendste Film ist "Paranoid Park" des Amerikaners Gus Van Sant. Er schildert jugendliches Lebensgefühl, indem er den Bewusstseinsstrom nach außen stülpt. Substanz ist hier der Stil: Zeitlupe, Wiederholung und Ellipse geben eine Ahnung von der unendlichen Zeit der Jugend.

Bei allem Engagement etwas enttäuschend war hingegen "Persepolis" von Marjane Satrapi, die Verfilmung ihres gefeierten Comics, in dem sie ihre Jugend in Teheran erzählt. Äußerst gespaltene Gemüter hinterließ der Österreicher Ulrich Seidl: Was bei "Hundstage" noch überraschte, wird in "Import Export" zur überaus unangenehmen Masche. Seidl parallelisiert das Leben einer Ukrainerin in Wien und eines Wieners in der Ukraine, tatsächlich aber zeigt er Menschen, die sich gegenseitig demütigen: Obszön, sadistisch und gewalttätig, aber mit klassischen, leider wirklich gelungenen Bildkompositionen, wirkt dies wie ein von Velázquez gemalter Porno - filmischer Antihumanismus.

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