Devisen fürs Reich

"Die Fälscher": - Es ist nicht alles gelungen in Stefan Ruzowitzkys Film, aber vor jeder Kritik muss man feststellen, dass "Die Fälscher" zu den spannendsten und interessantesten Spielfilmen gehört, die in den letzten Jahren von der Zeit des Nationalsozialismus erzählen. Nicht weniger als in "Der Untergang" oder "Sophie Scholl" werden hier tatsächliche Ereignisse faktengetreu nacherzählt, doch im Gegensatz zu den letzten Tagen in Führerbunker und Gestapo-Keller sind die Protagonisten nicht weltberühmt.

Und auf Didaktik, aufs argumentative Verständlichmachen politisch-moralischer Standpunkte, auf Debatten gar zwischen Opfern und Tätern, als könne es für Völkermord und Kriegsverbrechen Argumente geben, die irgendeiner Beachtung wert wären, verzichtet der Regisseur ganz. Vielleicht weil er Österreicher ist, besitzt Ruzowitzky wohltuende Distanz gegenüber dieser Art Zugang: Er zeigt Verbrecher einfach als Verbrecher, und ihre Opfer müssen keine besonders guten Menschen sein, damit Rassismus und Willkür zum Unrecht werden.

Opportunist und Idealist

Die Fakten des Nazi-Unternehmens "Bernhard", die dem Film zugrundeliegen, sind auf den ersten Blick unglaublich, bevor sie mehr und mehr den Betrachter fesseln: Von 1942 bis 1945 unterhielt die SS im KZ Sachsenhausen bei Berlin eine professionelle Fälscherwerkstatt, zu der Häftlinge mit besonderen Begabungen, vom Kunstmaler über den Bankier, über Druckexperten und Chemiker bis hin zu professionellen Geldfälschern, rekrutiert wurden. Man hielt sie unter vergleichsweise privilegierten Bedingungen, doch bei Nichterfüllen der Vorgaben waren sie mit prompter Hinrichtung bedroht.

Ihre Aufgabe war neben der Herstellung falscher Ausweise, Formulare und Briefmarken in erster Linie die Fälschung fremder Währungen, um dem Reich die während des Krieges knappen, umso dringender benötigten Devisen zu beschaffen und zugleich die Währung der Kriegsgegner zu destabilisieren. Die Herstellung falscher US-Dollars gelang erst kurz vor Kriegsende, vor allem weil die Häftlinge selbst deren Fortschritt sabotierten, um ihren potenziellen Mördern nicht in die Hände zu spielen.

Im Zentrum steht Sally Sorowitsch (Karl Markovics), ein schlitzohriger Lebemann, der vor dem Krieg als "Berliner Fälscherkönig" bekannt wurde. Er steht auch moralisch in der Mitte zwischen zwei Extremisten verschiedener Art: zwischen dem SS-Mann Herzog, glänzend gespielt von Devid Striesow, der seine Figur als charmanten Teufel anlegt. Und dem kommunistischen Drucker Adolf Burger (August Diehl), der den Dollardruck um jeden Preis sabotieren will und dafür sogar bereit ist zu sterben. Der Konflikt zwischen dem Opportunisten Sorowitsch und dem Idealisten Burger, die Frage, ob man für das eigene Überleben den Preis zahlen darf, mit den Nazis zu kooperieren, bildet den moralischen Fokus des Films.

Immer wieder ist auch in der Inszenierung ein Konflikt spürbar: Ruzowitzky lag viel daran, das Abenteuerliche und Spannende des Geschehens zu inszenieren. Doch sich ganz auf den Abenteuerfilm zu konzentrieren, hat er sich nicht getraut. Immer wieder macht der Film seinen Standpunkt klar, betont das KZ als Ort des Grauens und des Todes, schildert die Leiden der Menschen ebenso naturalistisch wie beflissen.

So gleitet der Film mehr als einmal ab in die Biederkeit eines sentimentalisierenden Melodrams. Dazu gehört die Erzählklammer, die zu Beginn Sorowitsch als KZ-Überlebenden nach Kriegsende in Monte Carlo zeigt und gleich viel Luft aus der Spannung lässt. Und am Schluss muss der Fälscher noch die mitgebrachten Millionen in einer Nacht verspielen. Die moralische Ambivalenz, dass hier ein Opfer auch ein kleiner Gangster ist und sich von schmutzigem Geld ein schönes Leben macht, traut sich das deutsche Kino noch nicht. Aber erstmals stellt Ruzowitzky dem deutschenFilm die richtigen Fragen: Warum erzählt man im Land von Lang, Murnau und Siodmak eigentlich nicht mal von den Nazis in Form eines Krimis, eines Horrorfilm, eines Psychothrillers oder eines Märchens? Warum muss es immer beflissene historische Nachstellung sein? Warum gibt es "Pan‘s Labyrinth" über Francos Spanien, aber nicht über Hitlers Deutschland? Irgendwann, dafür ist dieser Film ein Indiz, wird dieser Mangel behoben.

"Die Fälscher"

mit Karl Markovics, August Diehl

Regie: Stefan Ruzowitzky

Sehenswert

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