Dicke Sopranistin, glamouröse Familie

- Nein, mit ihrer nymphenhaften, verführerischen Namensgeberin hat die 20-jährige Lolita Cassard (Marilou Berry) nichts gemein. Die mittelmäßig begabte Sopranistin ist dick, unzufrieden, durchweg schlecht gelaunt und zornig auf alles - vor allem aber auf den eitlen Vater Etienne (Jean-Pierre Bacri), einen erfolgreichen Schriftsteller, und dessen junge, attraktive zweite Frau Karine.

<P>Nach Lolitas Beobachtungen finden die Menschen sie erst interessant, wenn sie um ihre glamouröse Herkunft wissen. So verhält sich auch Lolitas Gesangslehrerin Sylvia (gespielt von Regisseurin Agnes Jaoui). Eher widerwillig gewährt sie Lolita Unterricht, bis sie zufällig Einblick in die Familienverhältnisse ihrer Elevin erhält - und vor Enthusiasmus kaum noch zu bremsen ist. Denn schließlich sitzt bei Sylvia zu Hause tagein, tagaus ihr erfolglos schriftstellernder Gatte Pierre (Laurent Grevill) untätig herum, dem sie mit Hilfe von Vater Cassard zu einem Karriereschub verhelfen will.<BR><BR>"Schau mich an", der zweite Spielfilm von Agnes Jaoui, ist eine Mischung aus typisch französischem Kino wie etwa den Filmen Claude Sautets oder Eric Rohmers, in denen auch viel geredet und böse mit der Gesellschaft abgerechnet wird, und den Filmen Woody Allens, die zusätzlich auch noch genügend Tempo und spitzzüngige Pointen bieten. Die Charaktere in "Schau mich an" sind verschroben, zickig und egoistisch.<BR>Gleichzeitig schafft es das intelligente Drehbuch von Jaoui aber, dass einem alle diese mehr oder minder verkrachten Existenzen binnen kürzester Zeit ans Herz wachsen und man sich beim großen Showdown im Landhaus der Cassards fühlt wie auf einer Familienfeier.<BR><BR>Aus den Mosaiksteinchen Liebesleid, Post-Teenager-Depression, Ehekrisen, Vater-Tochter-Konflikt, Intrigen rivalisierender Autoren und Frauen setzt Jaoui ein farbenfrohes Bild der Pariser Bourgeoisie zusammen. Die Dialoge, die sich Jaoui und ihr Lebens- und Arbeitspartner Jean-Pierre Bacri für diese schaurig wahre, großartig treffsichere Gesellschaftssatire einfallen ließen, sind witzig, geschliffen und scharf. Vielleicht, weil die beiden ursprünglich vom Theater kommen und erst seit ihrem gemeinsamen Kinodebüt "Lust auf anderes" vor fünf Jahren mit Film zu tun haben. Vielleicht aber auch einfach, weil sich hier zwei Autoren, Regisseure und Schauspieler völlig uneitel ihrem jeweiligen Thema unterordnen können. </P><P>(In München: Filmcasino, Leopold, Eldorado, Theatiner i.O.)<BR>"Schau mich an"<BR>mit Marilou Berry, Jean-Pierre Bacri<BR>Regie: Agnes Jaoui<BR>Sehenswert </P><P> </P><P> </P>

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