"Die Menschen vom Schund befreien"

München - Die Mediensatire "Free Rainer - Dein Fernseher lügt", die morgen anläuft, ist Hans Weingartners dritte Kinoproduktion. Wie bereits in "Die fetten Jahre sind vorbei", den rund 900 000 Zuschauer gesehen haben, erzählt der 1970 im Vorarlberg geborene Regisseur in seinem neuen Film eine Parabel und entwirft das Bild einer Welt, in der das Fernsehprogramm qualitativ hochwertig ist.

Wie häufig sehen Sie fern?

Ich gehöre zur suchtgefährdeten Gruppe und habe meinen Fernseher abgeschafft. Fernsehen hat mich depressiv gemacht. Glücklicherweise habe ich rechtzeitig erkannt, dass diese Kiste weniger harmlos ist, als uns erzählt wird. Meiner Meinung nach gehört sie unter das Betäubungsmittelgesetz, und das meine ich nur teilweise ironisch.

Wie viel Realität muss in einer Satire stecken, um noch überzeugend zu sein?

Satire ist die Realität hoch drei. Es muss eine Gratwanderung sein, die den Zuschauer fordert: Wäre das jetzt möglich oder nicht? Könnte es bald ein Sperma-Rennen im TV geben oder nicht? Solange er sich das noch fragt, ist alles gut. Gar nicht mal so einfach.

"Free Rainer" wirkt, als hätten Sie großen Spaß gehabt, das TV-Geschäft und sein Publikum zu persiflieren. Keine Spur von Mitleid?

Doch, ich bin ein sehr emphatischer Mensch. Und Achtung: Meine Persiflage ist nie zynisch. Mir geht es eben gerade darum, die Menschen vom Schund zu befreien! Die Macher von Trash-TV sind getriebene, die Konsumenten unglückliche Menschen.

Haben Sie Freunde in der deutschen Fernsehbranche?

Leider nicht. Meine einzige Freundin, die Redakteurin von "Die fetten Jahre sind vorbei", wurde vom Sender gefeuert, weil sie zu kritische Filme produzierte - so zumindest mein Eindruck, denn sie war die erfolgreichste Redakteurin aller Zeiten.

Ist es Zufall, dass Gregor Bloéb in seiner Rolle als quotenfixierter Programmchef Maiwald optisch an Kai Diekmann, den Chefredakteur der Bild-Zeitung, erinnert?

Ich kenne Kai Diekmann gar nicht, und wollte auch keine einzelne Person abbilden. Ich hoffe, dass die Figur Maiwald eher von seiner Persönlichkeit her an so manchen "Medienmacher" erinnert, beziehungsweise noch besser, dass diese Macher sich selbst zumindest teilweise darin widergespiegelt finden und ihr soziales Gewissen aktivieren.

Wie wichtig war Moritz Bleibtreu für diese Produktion?

Sein Talent und seine Leidenschaft waren extrem wichtig. Seine Bekanntheit weniger für die Finanzierung, aber umso mehr für die Erteilung von Drehgenehmigungen. Da haben uns seine Autogrammkarten so manche 1000 Euro gespart. Und natürlich hilft es jetzt dabei, die Menschen ins Kino zu bringen.

Elsa Sophie Gambard haben Sie beim Surfurlaub kennengelernt. Was hat Sie an der Medizinstudentin überzeugt?

Ihre große Präsenz: Wenn sie das Bild betritt, ist man sofort gefesselt. Das sind echte Starqualitäten. Außerdem wirkt sie geheimnisvoll, man will immer wissen, was dahinter steckt, auch wenn sie einen nie ganz reinschauen lässt. Das ist ein faszinierendes Spiel. Außerdem spürt man, dass sie immer fühlt, was sie spielt.

"Die fetten Jahre sind vorbei" formulierte ebenso wie jetzt "Free Rainer" eine idealistische soziale Utopie. Glauben Sie, die Zuschauer damit zum Nachdenken zu bringen? Oder reicht es aus, wenn sie intelligent unterhalten wurden und zufrieden das Kino verlassen?

Nein, das würde mir nicht reichen. Der Film sollte den Zuschauer zumindest energetisch aufladen und ihn aufrütteln. Wenn er zusätzlich versteht, dass zwischen einer Utopie und ihrer Realisation nur sein eigener Wille steht, wenn ihm bewusst wird, dass es in Wahrheit er ist, der die Macht hat, über die Medien und damit über sein seelisches Glück zu entscheiden, dann wäre das die Erfüllung meiner kühnsten Träume. Sei realistisch, verlang' das Unmögliche.

Das Gespräch führte Michael Schleicher

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