Doktor Freud lässt grüßen

- Eigentlich müssten Sie sich gut verstehen: zwei Männer, die in einer fremden Haut stecken, in einer falschen Welt leben, aus der sie nicht herauskönnen. Sie möchten etwas sein, was sie nicht sein dürfen ­- nämlich der andere, ihr Gegenüber. Aber einfach tauschen können sie nicht. Denn sie haben außer ihrem Schicksal doch so gar nichts gemeinsam.

Eine Doppelgänger-Geschichte. Doktor Freud lässt grüßen, nicht nur weil die Männer beide von der gleichen Frau geliebt werden, einer Psychologin auch noch, die den einen behandelt und mit dem anderen liiert ist.

Psychoanalytisch wird es zudem, weil die Frage im Zentrum steht, wie man zu dem wird, was man ist. Und wie man sich dagegen wehrt, das zu werden, was man nicht ist.

Neuversion eines Hongkong-Thrillers

"Ich möchte kein Produkt meiner Umwelt sein ­ ich möchte, dass meine Umwelt mein Produkt ist." Das ist der erste Satz des Films. Es könnte auch der letzte sein. Der ihn sagt, ist Frank Costello, irischer Gangsterboss in South-Boston, gespielt von Jack Nicholson.

Andrew Laus Hongkong-Thriller "Infernal Affairs" war in Deutschland nur auf Festivals zu sehen. "Departed" ist sein Remake, die erste Neuverfilmung, die Martin Scorsese je gemacht hat. Ganze Einstellungen und Montagefolgen hat er eins zu eins übernommen.

Laus Grundidee ist so simpel wie genial, und die einzige Frage ist eigentlich nur, warum vorher noch niemand darauf gekommen ist: Die Bostoner Polizei will einem irischen Gangstersyndikat das Handwerk legen. Dazu schleusen sie einen der ihren, Billy Costigan (Leonardo DiCaprio), als V-Mann beim Mafiaboss Costello ein. Was die Polizei nicht weiß: Auch bei ihnen steckt eine "Ratte": Colin Sullivan (Matt Damon), ein kühl-arroganter Aufsteiger, vorgesehen für höhere Aufgaben und daher bald der Mann, der auserwählt wird, die undichte Stelle im Polizeiapparat zu finden ­ sich selbst. Ein kompliziertes Spiel der Symmetrien und Entsprechungen also, bei dem die Beteiligten wie im Schach die Züge der anderen Seite und ihre Varianten möglichst weit vorausberechnen müssen, allerdings unter extremem Zeitdruck. Ein Nervenspiel.

Die Hongkong-Vorlage ist ein kühles Ballett; ein Gedicht aus visuellen Zeichen, sich fortschreibend in blaugrauen Farben, reduzierten Szenen, lakonischen Dialogen. Alles wird hier Andeutung und Rhythmus, Choreographie und Grafik, reine Eleganz. "Departed" psychologisiert das Formale, Coole, heizt es auf. Laus Romantik des Lakonischen ersetzt Scorsese durch eine Romantik des Barock: Der Jazz, das Musikalische der Vorlage, wird monumentalisiert, verwandelt in einen Roman. Alles ist langsamer, epischer, voller Ornamente. Grelle Farben, Rottöne prägen die Bilder; kaum etwas wird angedeutet, alles wird ausgesprochen ­ bis hin zu den Erektionsproblemen von Colin als Synonym für seine Schuld.

Billy hat die nicht, weil er zwar nicht glücklich, aber mit sich im Reinen ist. Und dass Scorsese die drei Frauenfiguren der Vorlage zu einer einzigen verschmolz, die auch noch Psychologin ist, betont noch das Freudianische seines Films.

Die Coolness ist ganz in die Dialoge verlagert, die fast ein wenig zu smart sind. Wenn der Gangster Shakespeare zitiert und doziert "Keiner gibt‘s Dir, Du musst es Dir nehmen", dann kann man das nur begrenzt ernst nehmen. "Cui bono?" -­ "Cui gives a shit?" So reden Menschen nur in Hollywood, und so ist "Departed" für Kenner des Originals auch ein bisschen ärgerlich, weil man weiß, dass es bei aller Qualität noch besser ginge.

Trotzdem ein sehr guter Film. Ein Männerfilm, der Machorituale entlarvt und zugleich feiert. Bis in kleine Nebenrollen wirken lauter tolle Darsteller mit: Mark Wahlberg und Alec Baldwin spielen eigentlich am allerbesten, Matt Damon ist so gut wie noch nie, und zu Leonardo DiCaprio und Jack Nicholson muss man eigentlich nichts mehr sagen. (Ab morgen in München: Mathäser, Maxx, Royal, Leopold, City, Cinema i.O.)

"Departed"

mit Jack Nicholson,

Leonardo DiCaprio

Regie: Martin Scorsese

Sehenswert ****

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