Das Drama eines begabten Kindes

- "Come fly with me" singt Frank Sinatra. Ein junger, gut aussehender Mann in Piloten-Uniform schreitet dabei durch die Halle eines Flughafens, in jedem Arm drei Stewardessen in mittelblauer, perfekt zum sonnigen Himmel passender Kleidung. Und (nicht nur) in diesem Moment sieht Steven Spielbergs neues Werk aus wie ein alter Werbespot der PanAm.

<P>"Catch me, if you can" handelt von Sex, Luxus, Pop-Mythen, und der Easy-Listening-Sound der späten 60er, der alles untermalt, erzählt zusätzlich von der unendlichen Leichtigkeit des Daseins.´</P><P>Es ist zugleich aber auch ein Film über den Preis, den dieses Leben oder der Traum von ihm hat, ein Film darüber, dass materieller Überfluss und Luxus keine dauerhaften Zufluchtsorte sind. Eine höchst unterhaltsame, aber auch (wie fast immer bei Spielberg) moralische Geschichte. Denn der Mann ist kein Pilot, sondern ein Betrüger auf der Flucht.<BR>Frank W. Abagnale ist eine Legende. Es gibt ihn wirklich, und er wurde gegen Ende der 60er berühmt dadurch, dass er innerhalb von knapp vier Jahren durch Betrügereien über zwei Millionen Dollar ergaunerte. </P><P>Dabei floh er durch sämtliche US-Bundesstaaten sowie 26 weitere Länder, wechselte seine Identitäten wie die Hemden, lebte längere Zeit als Pilot, praktizierte als Unfallchirurg und als Anwalt - ohne je etwas gelernt zu haben. Sein Geld gab er mit vollen Händen wieder aus. Und heute, nach verbüßter Strafe, arbeitet er für die, die ihn einst jagten: Im Dienst von FBI und Banken setzt er als hochbezahlter Experte seine Kenntnisse ein.</P><P>Eine unglaubliche Geschichte, wie gemacht für Spielberg. Der Regisseur erzählt diese Story mit zurückhaltender Kamera weitab vom Action-Stil der in "Minority Report" nötig war, mit Farbsetzungen, die der Zuschauer mehr fühlt, als sieht _ ein gelb-warmer Grundton für Abagnale, ein graublauer für seine Jäger. Und auf eine sehr zeitgemäße Weise, dabei nicht nur äußerlich, sondern auch atmosphärisch ganz im Stil der Sixties, belebt er so tatsächlich den Geist einer Epoche wieder, auch den ihres Kinos.</P><P>Tom Hanks spielt hier den klugen Detektiv, der in Abagnale (exzellent: Leonardo DiCaprio) seinen Meister gefunden hat. Schon der herrlich-nostalgische, originelle Vorspann ist an den Scherenschnitt-Trickstil angelehnt, der damals den Beginn vieler Filme prägte. Und auch sonst badet der Streifen in der 60er-Ästhetik, ohne sich in ihr je zu verlieren. Denn auch "Catch me, if you can" ist ein originärer Spielberg-Film.</P><P>An ganz bezeichnenden Stellen hat dieser den Fakten etwas hinzugefügt, Akzente verlagert. So gelingt eine reife, zurückhaltende Komödie, die in der Geschichte Abignales das Drama eines begabten Kindes entdeckt, das unter der Scheidung seiner Eltern leidet und nicht erwachsen werden will. Eine Fluchtbewegung, die tiefer motiviert ist, und - typisch Spielberg - mit einer Heimkehr enden muss, die hier nie als nur behauptete Versöhnung erscheint.</P><P>In seinen letzten Filmen scheint Spielberg zu immer persönlicheren, reiferen Stoffen zu finden, er wird dabei immer besser - und so relaxed und charmant wie noch nie. (In München: Autokino, Cincinnati, Filmcasino, Gabriel, Gloria, Marmorhaus, Museum i.O., Münchner Freiheit, Neues Rex, Cinema i.O.)</P><P>"Catch me, if you can"<BR>mit Tom Hanks, Leonardo DiCaprio<BR>Regie: Steven Spielberg<BR>Hervorragend </P><P><BR> </P>

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