Das Drama des Gezeichneten

- Roman Polanski liebt die Ironie. Alle seine Filme, angefangen etwa bei "Wenn Katelbach kommt . . ." über "Rosemary's Baby" und "Chinatown" bis hin zu seinen realistischen Thrillern der letzten Jahre wie "Frantic", zeichnet dieser Hang zur parodistischen Überzeichnung und zur künstlerischen Subversion aus. Ein typischer "Polanski", das bedeutete bei aller Raffinesse und Spannung auch immer eine ironische Distanz gerade bei düsteren Themen.

<P>Jetzt überrascht der Regisseur mit einem gänzlich ernsten Werk, Parodie oder gar Ironie sind in "Der Pianist" Fremdworte. Das liegt natürlich in erster Linie am Thema: Polanski verfilmt die Autobiografie des polnischen Pianisten Wladyslaw Szpilman, der das Warschauer Getto überlebte. Angesichts des Holocaust hat der Humor nur in Ausnahmefällen wie Jurek Beckers Roman "Jakob der Lügner" eine Daseinsberechtigung.</P><P>Betrachtet man nun jedoch den Lebenslauf des Regisseurs, rückt noch etwas anderes in "Der Pianist" sofort ins Blickfeld: Der 69-Jährige überlebte als Kind die Gräuel des Krakauer Gettos selbst, entging nur knapp dem Konzentrationslager, seine Mutter starb in Auschwitz. Zu erwarten wäre demnach ein Film im Stile von "Schindlers Liste", ein perfekt durchkomponierter Film über die Judenvernichtung, eine Tragödie biblischen Ausmaßes, versehen mit einem Hauch Zuckerguss und getaucht in warme Schwarzweiß-Bilder mit Braunfilter.</P><P>Dass "Der Pianist" aber ganz anders geworden ist, liegt vor allem in dem ungewöhnlich und unerwartet distanzierten Stil, in dem Polanski die Überlebensgeschichte des jüdischen Chopin-Interpreten Szpilman erzählt. Die eigene Betroffenheit stellt Polanski zurück, die Tragödie, die er berichtet, ist nicht seine eigene, sondern die des Klaviervirtuosen. Der hat das Warschauer Getto nicht als Kind erlebt, sondern als junger Mann. Der aufstrebende, beim Polnischen Rundfunk zu bescheidenem Ruhm gelangte Szpilman (exzellent: Adrien Brody) probt gerade Chopins "Nocturne in cis-moll", als zu Beginn des Films ein Bombenangriff die Musik jäh unterbricht.</P><P>Polanski zeigt knapp und klar _ und beweist in Szenen wie dieser sein großartiges Können als Regisseur _, wie die Welt, in der Szpilman lebt, mit einem Schlag aus dem Takt gerät. Für den Künstler, seine Eltern und Geschwister folgen nun die Stationen des Leidens, die die Deutschen nach der Eroberung Polens 1939 für die jüdischen Mitbürger bereithielten: Davidstern, Konfiszierung von Besitz und Wohnung, Umsiedlung ins Getto, Berufsverbot, Verelendung und schließlich der Transport ins KZ. Beim Besteigen der Güterwaggons Richtung Treblinka wird Szpilman in letzter Sekunde von einem befreundeten Polizisten gerettet. Die polnische Untergrundorganisation ermöglicht ihm ein Versteck, in dem er den Rest des "Dritten Reiches" über bleiben wird _ bis er mit dem SS-Mann Wilm Hosenfeld (Thomas Kretschmann) zusammentrifft . . .</P><P>Brody spielt den Musiker mit einer ergreifenden Kombination aus Feinsinn und Ungeschicklichkeit. Mit jeder Faser verkörpert er das Drama des Gezeichneten. In einer der anrührendsten Szenen findet der Pianist in einer leeren Wohnung ein Klavier. Spielen darf er nicht, da kein Laut von ihm zu hören sein soll. Also lässt er seine Hände stumm über den Tasten schweben und lauscht der Musik im Kopf. Brodys Mimik wird man danach nicht mehr vergessen.</P><P>Polanski zeigt das Schicksal des Musikers mit völlig konventionellen, unspektakulären Mitteln. Geradlinig, detailgenau. Und doch hat man diese Bilder eben noch nicht gesehen. Polanski demonstriert das Leid nicht, er lässt das Publikum einfach nur dabei zusehen. Das Ensetzen findet ausschließlich im Kopf des Zuschauers statt. Im Gegensatz zu Spielberg verzichtet er auf eine extreme Stilisierung, sogar völlig auf eine eigene Handschrift.</P><P>Die Demütigungen und Grausamkeiten des Nazi-Regimes inszeniert Polanski in einer scheinbar beiläufigen Unaufdringlichkeit, die dadurch umso intensiver nachhallt. Spielberg ging in "Schindlers Liste" ganz nah an die Menschen heran, kroch ihnen mit der Kamera fast auf den Schoß. Roman Polanski geht immer noch einen Schritt weiter weg vom Leid. Die Entfernung nämlich ermöglicht erst das Mitleiden, die Distanz erst lässt die Tragik eines Einzelnen persönlich werden.</P><P>(In München: Filmcasino, Eldorado, ABC, Cinema i. O.)<BR>"Der Pianist"</P><P>mit Adrien Brody<BR>Regie: Roman Polanski<BR>Hervorragend </P><P><BR> </P>

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