Drastischer Realismus

- Die Vorlage zu diesem erfolgreichsten niederländischen Kinofilm der letzten Jahre ist ein auflagenstarker Roman: "Die Zwillinge" von Tessa de Loo. Regisseur Ben Sombogaart hat das Buch gestrafft. Leider ignorierte er auch die kunstvolle Komposition und erzählt seinen Film über die Mädchen, die im Alter von sechs Jahren getrennt werden, etwas monoton in zwei parallelen, sich manchmal berührenden Handlungssträngen. Anna und Lotte wachsen nach dem Tod ihrer Eltern in Pflegefamilien auf. Lotte (Thekla Reuten) in Holland bei einer reichen, jüdischen Familie. Anna (Nadja Uhl) bleibt in Deutschland und muss zur armen Verwandtschaft aufs Land. Der Onkel (Ingo Naujoks) verprügelt sie, in die Schule darf sie auch nicht gehen, ihre Arbeitskraft wird auf dem Bauernhof dringend benötigt.

<P>Der aufkeimende Nationalsozialismus dringt in Annas Leben bald massiv ein, während Lotte ein angenehmes Leben führen kann - noch. Denn natürlich wendet sich das Blatt in diesem großen, opulent gestalteten und in satten Farben gemalten Historienporträt bald. Als junge Frauen begegnen sich die Schwestern wieder, doch schon aus politischen Gründen ist eine Annäherung kaum noch möglich: Anna ist mit einem SS-Offizier (Roman Knizka) verlobt und arbeitet auf dem Schloss einer Gräfin (Barbara Auer) als Hausmädchen. Lottes jüdischer Verlobter David wird nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Holland verhaftet und in Auschwitz ermordet. In der Gegenwart begegnen sich die Zwillinge wieder, beide vom Dasein gezeichnet. <BR><BR>Sehr gefühlvoll und mitunter auch drastisch in ihrem hautnahen Realismus sind die Bilder, die Ben Sombogaart für seine stimmige Familiengeschichte findet. Auch wenn historisch nicht alles korrekt ist und manche Nebenfiguren mit dem groben Pinsel gezeichnet wurden, kann man sich der großen Emotionen, die von "Die Zwillinge" ausgeht, kaum entziehen. Angenehm, zumal für einen niederländischen Film über die Okkupation, ist die Ausgewogenheit der Sympathien. Die Nazis sind nicht nur Marschlieder grölende Monster, und auch in der jüdischen Familie ist nicht alles eitel Sonnenschein. Sombogaart will politische Zusammenhänge erklären - anhand von Menschen, die diese Zeitläufte aushalten müssen. Und wie alle Menschen sind auch seine Helden nicht unfehlbar. Am besten lässt sich das an Anna sehen, die von Nadja Uhl mit einer beeindruckend distanzierten Klarheit gespielt wird - und doch innerlich in jeder Szene zu lodern scheint. </P><P>(In München: Mathäser.)<BR><BR><BR>"Die Zwillinge"<BR>mit Thekla Reuten, Nadja Uhl<BR>Regie: Ben Sombogaart<BR>Sehenswert </P><P><BR> </P>

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