Dreckiges Glück

- Es beginnt wie eine heitere Sommergeschichte: Ein junger Mann, Paul, kommt unverhofft zu Ferienbeginn zu Verwandten. Langsam lernt er sie näher kennen, diese Kleinfamilie aus Vater, Mutter, Kind. Zugleich werden die Haarrisse in der Harmonie erkennbar. Die Ehe ist schlecht, die Mutter lässt ihre überschüssige Energie am pubertierenden Sohn aus, und der kompensiert das, indem er heimlich trinkt - Abgründe des Bürgerlichen.

Ein Kammerspiel, klar, konzentriert, voller Intensität - Kino ohne Schnickschnack.

Sinn und Sinnlichkeit

Im Mai hat es "Pingpong" von Matthias Luthardt in die strenge Auswahl der "Semaine de la Critique" von Cannes geschafft, jetzt erlebt er beim Filmfest München in der Reihe Neue Deutsche Kinofilme seine hiesige Premiere. Und wenn es mit rechten Dingen zugeht, dürfte das starke Werk zu den Favoriten für den "Förderpreis Deutscher Film", einst Hypo-Preis, gehören.

In den Vorjahren hatten undurchsichtige Vorabnominierungen für einigen Unmut gesorgt, trotzdem hat man an der umstrittenen Praxis festgehalten. Bis jetzt ist unklar, welche Filme tatsächlich für die Jury nominiert werden und eine Preis-Chance erhalten.

Zwei, die nicht dazugehören, sind Hans Steinbichler und Michael Hofmann. Beide hatten in früheren Jahren den Regiepreis gewonnen. Steinbichler eröffnete mit "Winterreise" das Filmfest, Hofmann präsentiert mit "Eden" eine Arbeit, die ganz anders ist, als sein damaliger Siegerfilm "Sophiiiie!!!". Es beginnt mit einer Ode: "Mit der Entdeckung des Kochens begann die Entwicklung des Steinzeitmenschen zum Homo sapiens. Kochen ist die Mutter der Philosophie, der Chemie und der Physik. Kochen ist Dichtung, Transformation, Schöpfung. Kochen ist die älteste Kunstgattung, älter als die Höhlenmalerei." Gregor (grandios und mit zarter Eleganz gespielt von Josef Ostendorf) entwickelt eine Cucina erotica, die den Esser geil macht. Das einzig asexuelle Wesen bleibt Gregor selbst.

Langsam lernt das deutsche Kino, dass das Rohe und das Gekochte zusammengehören, dass zu Sinnlichkeit und Sex auch die Erlaubnis gehört, sich mal dreckig zu machen. Dies belegt "Valerie" von Birgit Möller, ein kraftvoller Film, die Story eines reichen, armen Großstadtgirls, die in ihrer Klarheit und Reduktion an die Werke von Amos Kollek ("Sue") erinnert. Weniger kühl, dafür weinerlicher ist "Elbe" von Marco Mittelstaedt, Ost-Tristesse, wie man sie in den letzten Jahren schon ein paar Mal zu oft gesehen hat.

Und Franziska Stünkels ambitionierter Thriller "Vineta", basierend auf einem Drehbuch von Moritz Rinke, in dessen Zentrum ein überarbeitetes Genie steht, ist im Ergebnis nur ein professionell gemachtes, mit Peter Lohmeyer, Ulrich Matthes und Matthias Brandt zwar starbesetztes, aber hochgradig prätentiöses Nichts am Rande der Publikumsveralberung. Dann doch lieber in Sven Taddickens "Emmas Glück" gehen, in dem ein kindliches Bauernmädchen durch die Liebe zu einem Krebskranken erlöst wird - mit einer Schlachtszene, wie man sie noch nicht gesehen hat. Manchmal muss man sich für sein Glück eben dreckig machen.

@ www.filmfest-muenchen.de

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Star Wars 8 startet am 14. Dezember: Danach weitere Weltraum-Saga geplant
Die Macht ist mit uns - und bis Episode 8, "Die letzten Jedi", in die Kinos kommt, dauert es gar nicht mehr so lange. Wir verraten schon jetzt Spoiler und Gerüchte zu …
Star Wars 8 startet am 14. Dezember: Danach weitere Weltraum-Saga geplant

Kommentare