Der dritte Bruder Grimm

- Ein dunkelhaariges Mädchen sitzt in einer Hotelsuite am Bettrand. Im Fernsehen läuft gerade eine merkwürdige Soap über drei Menschen mit Hasenköpfen. Eine andere Frau, blond und nicht mehr ganz jung, empfängt in ihrer Wohnung eine ältere. Bald wendet sich die Plauderei der Alten ins Unangenehme.

Sie spricht bedrohliche Prophezeiungen aus. Zwei rätselhafte Szenen, wie sie für David Lynchs Kino typisch sind: Verstörend und dabei voller Verführungskraft reißen sie unmittelbar hinein in den Kosmos dieses bahnbrechenden Kinokünstlers. Sie stehen am Anfang von Lynchs neuem Film "Inland Empire". In Venedig wurde er außer Konkurrenz uraufgeführt, und der gerade 60-Jährige für sein Lebenswerk geehrt. "Inland Empire" zeigt, wie sich die Blonde nun zwischen Albtraum und Idylle, Wunsch und Wahn bewegt, ein alt gewordenes Schneewittchen, das auf der Flucht vor der bösen Wirklichkeit unter anderem auch bei sieben Huren Trost findet.

Mit dem dreistündigen, barocken, ebenso schwerblütigen wie faszinierenden Trip ins Reich der Symbole bewegt sich Lynch in jene Zeit zurück, als er mit "Wild at Heart", der TV-Serie "Twin Peaks" und deren Kinofortsetzung "Fire Walk With Me" auf den Spuren der Gebrüder Grimm wandelte: Das Doppelgängermotiv wird mit dem Film-im- Film- Genre zu einem modernen Märchen verknüpft. Lynchs assoziative Methode benutzt die Mittel des Erzählkinos, um es ad absurdum zu führen. Immer wieder führt er uns das Wesen der Illusion vor Augen, in einer Doppelbewegung zieht er einen hinein und stößt einen zugleich zurück. Dass Lynch elf Jahre nach "Dogma" nun auch -vor allem aus Geldnot -die digitale Technik für sich entdeckt hat, ist eher ein Nachteil: Man sieht, dass er sie nur schwer beherrscht -und bei all seiner Qualität ist der Film zu lang. Zudem wird, wer nichts von Lynch kennt, hier ganz alleingelassen.

Queen-Komödie der Macht

Endzeitszenarien begegnete man auch sonst in vielen Filmen: In "Still Life" stellt der Chinese Jia Zhangke zwei Menschen ins Zentrum, die ihre Ehepartner suchen. Doch das ist mehr Vorwand für das eigentliche Thema: die Errichtung des "Drei-Schluchten-Staudamm" mit ihren umstrittenen Folgen. Jia zeigt apokalyptische Bilder von Städten, die dem Erdboden gleichgemacht und überflutet werden, Familien die man vertreibt, Untergänge inmitten eines Booms ohne Vorbild. "The Queen" von Stephen Frears erzählt von der Woche, die auf den Tod der Lady Di im Juli 1997 folgte. Es waren dramatische Tage, erfährt man aus dieser Innenansicht eines höfischen Lebens unserer Zeit, die der Regisseur mit Feingefühl entfaltet. "The Queen" ist ei ne Komödie der Macht und ein Thriller der Emotionen. Sie nimmt die Königin und ihre Anverwandten nicht über Gebühr ernst, lässt ihnen aber immer Würde. Zugleich zeigt er einen Tony Blair, der die Monarchie rettet, indem er sie drängt, sich zu verändern.

Helen Mirren verkörpert die Königin mit Intelligenz und Ironie, die man dem realen Vorbild bei allem Respekt doch nicht zutraut. Afonso Cuarons "Children of Man" ist ein schwarzer Zukunftsentwurf: Pandemien und Hungersnöte quälen 2027 die Menschheit, die seit einiger Zeit unfruchtbar geworden ist. Da wird eine Frau schwanger, und an die ses Ungeborene knüpft der Film seinen Hoffnungsschimmer.

Mitreißend und reißerisch bietet "Children of Man" vor allem Spektakel und Kitsch. Beide Filme können nicht recht erklären, was sie uns eigentlich angehen. Preisverdächtig sind sie wohl gerade darum. Eine gewisse Weltflucht hinter engagierter Maske ist vielen diesjährigen Filmen eigen, verständlich angesichts grassierender Endzeitstimmung. Ein Alibi-Löwe für die Filmkunst ist in Venedig zwar immer dabei, ansonsten zeigt alle Erfahrung, dass Jurys sich auf gefällige, handwerklich gute Kompromisse einigen -wie die von Frears und Cuaron.

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