Im Dschungel der Großstadt verwildert

- Vier Kinder mit verschiedenen Vätern wachsen allein mit ihrer Mutter auf. Die kleinen Appartements, in denen sie leben, wechseln sie ständig. Bis auf den Ältesten, den zwölfjährigen Akira, leben die anderen abgeschlossen von der Außenwelt. Man spürt ein dunkles Geheimnis. Nach kurzen glücklichen Tagen ist die Mutter verschwunden, um in einer anderen Stadt zu arbeiten. Nach einer langen Weile kehrt sie zurück. Dann verschwindet sie wieder, und man wartet mit den Kindern. Anfangs kauft Akira ein, doch das Geld wird knapp, im Supermarkt wird geklaut, schließlich werden erst der Strom, dann das Wasser abgestellt. Und spätestens jetzt dämmert es Kindern wie Zuschauern, dass die Mutter nie zurückkommen wird.

<P>Stattdessen erleben wir, wie die vier verwildern, zurückgeworfen werden in den Naturzustand. Zugleich verlassen auch die Geschwister zögernd die Wohnung. In diesen Momenten erzählt der Film eine magische Odyssee der nachgeholten Weltentdeckung, eine Robinsonade im Großstadtdschungel und entwickelt Poesie, ohne dass das Bedrohliche dieses Lebens je vergessen würde.<BR><BR>Hirokazu Kore-eda ("After Life"), eine der wichtigsten Stimmen des jüngeren japanischen Kinos, erzählt entlang der vier Jahreszeiten, mit Handkamera, in pastelligen Farben. Der Film beginnt als Kammerspiel und öffnet sich immer mehr, wie auch der Horizont für die Kinder weiter zu werden scheint. Zugleich verweigert sich "Nobody Knows" allen Erwartungen ans japanische Kino: weder Sex und Gewalt noch Pop. Ohne Sozialreportage zu sein, ist dies ein Film über die Verwahrlosung in avancierten Gesellschaften. Vor allem aber eine Geschichte über das Kaputtgehen der Familien im Familienland Japan. Während Europa Asien als Utopie entdeckt, entzaubert dieses sich selbst und unsere Vorstellung davon. Die Figur des Akira (Yagira Yuya erhielt in Cannes den Schauspielpreis) erinnert in der Mischung aus Unschuld und Unerbittlichkeit an die Kinder bei Rossellini und de Sica. Das Kino entdeckt wieder den lange vergessenen Blick der Kinder auf die Welt der Erwachsenen. Und "Nobody knows" heißt: Keiner weiß Bescheid. <BR><BR>(In München: ABC, Arena.)<BR><BR><BR>"Nobody Knows"<BR>mit Yagira Yuya, Ayu Kitaura<BR>Regie: Hirokazu Kore-eda<BR>Hervorragend </P><P> </P><P> </P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Goldener Bär für Ungarn - Bester Schauspieler aus Österreich
Berlin - Ungarn holt erstmals nach 42 Jahren wieder den Gold-Bären. Und der Österreicher Georg Friedrich wird bei der 67. Berlinale zum besten Schauspieler gekürt.
Goldener Bär für Ungarn - Bester Schauspieler aus Österreich
Es wird spannend: Das sind die Favoriten der Berlinale
Berlin -  Ein Öko-Thriller oder vielleicht auch ein Flüchtlingsdrama: Bei der Berlinale gibt es ein paar Favoriten auf den Gewinn. Am Samstag fällt die Entscheidung.
Es wird spannend: Das sind die Favoriten der Berlinale
“John Wick: Kapitel 2“: Zu zäh um wahr zu sein
Mit „John Wick“ wurde Keanue Reeves endlich wieder erfolgreich, doch „Kapitel 2“ scheint zwar actionreich, aber wenig durchdacht zu sein. Ein Fehler.
“John Wick: Kapitel 2“: Zu zäh um wahr zu sein
„Fences“: Die Wucht der Worte
„Fences“ erzählt von Mauern, die aufgebaut werden, Worten, die eine Familie zusammenhalten und auseinanderbrechen. Ein Film, der zu Recht für einen Oscar nominiert ist. 
„Fences“: Die Wucht der Worte

Kommentare