Vom Dschungel in die Trostlosigkeit

- In Tierdokumentationen lernen wir: Ein Tiger braucht sein Revier, Männchen und Weibchen leben getrennt und kommen nur in der Paarungszeit zusammen. Dann zieht die Tigerin ihre Jungen allein groß. Anders in Jean-Jacques Annauds wunderschönem Film "Zwei Brüder", der frei nach dem Motto "Tiger sind die besseren Menschen" einen märchenhaften Einblick in das Privatleben der Großkatzen bietet - einen Einblick freilich, der in der Natur so sicher nicht vorkommt.Jäger auf Raubzug

<P>Vater, Mutter und zwei Söhne leben da nämlich friedlich zusammen. Ihr Heim ist ein verlassener Tempel am Mekong, seit langem von der Natur überwuchert, aber immer noch ausgestattet mit steinernen Statuen und Fresken. Hier herrscht der Herr des Dschungels, hier zieht die Tigerin ihre Sprösslinge groß. Schon früh zeigen die Kätzchen unterschiedliche Charaktere: Während der eine Sohn vor einer Zibetkatze ängstlich auf den nächsten Baum klettert, zeigt sein Bruder dem "gefährlichen" Tier schon die Zähne.<BR><BR>Annaud benutzt seine tierischen Darsteller, um sehr menschliche Geschichten zu erzählen. Das sind Szenen, von denen der Zuschauer gar nicht genug bekommen möchte, aber leider wird die Idylle nach wenigen Filmminuten nachhaltig gestört. Natürlich sind es die Menschen, die alles kaputt machen - in diesem Fall ein Großwildjäger (Guy Pearce), der mit dem Verkauf von Elefantenstoßzähnen in London kläglich gescheitert ist. Indische Tempelstatuen gehen auf dem Markt besser, was liegt also näher als ein organisierter Kunstraub aus verlassenen Kultstätten.<BR><BR>Die ersten, die für den kühnen Coup büßen müssen, sind natürlich die Tiger. Bei dem Versuch, sein Junges zu verteidigen, wird der Vater erschossen, der kleine Tiger Kumal an einen Zirkus verkauft. Und dann verliert die Mutter auch noch ihr zweites Kind: Sohn Sangha kommt in den Haushalt des französischen Gouverneurs und wird der Spielgefährte seines kleinen Sohnes (sehr begabt: Freddie Highmore). Doch als das Tier größer wird, muss es aus dem Haus, und für Sangha beginnt derselbe Leidensweg wie für seinen Bruder. Gefangen sein auf kleinstem Raum, leben im Käfig, ohne freien Himmel - trostlos. Bis beide Brüder in einem riesigen Käfig gegeneinander kämpfen sollen . . .<BR><BR>Annauds Film ist ein engagiertes Plädoyer für den Naturschutz und zeigt gleich in der Anfangssequenz, was der Einzelne tun kann, um Großwildjagd und Tempelraub einzudämmen: das Zeug nicht kaufen. Wenn es kein Geschäft mehr ist, wenden sich die Organisatoren aussichtsreicheren Projekten zu. Auch für seine Hauptfigur, den Großwildjäger und Tempelräuber Aidan McRory, hält Annaud einen Erziehungsprozess parat: Was er durch den missglückten Verkauf der Elefantenstoßzähne begriffen hat, nämlich dass sich die Großwildjagd nicht mehr lohnt, erkennt er im Verlauf der Handlung nun mit dem Herzen. Durch den Kontakt mit den Tigern versteht er, was er den Tieren eigentlich antut.<BR><BR>Einige Grausamkeiten</P><P>Der Film sieht die Handlung aus der Perspektive des Tigers und macht die Menschen zu den Bösewichtern. Dabei ergeben die Verhaltensweisen der Tiere eine klare Geschichte, die eindeutig menschlichen Denkweisen entspricht. Auch wenn es nicht so streng nach dem Biologiebuch zugeht, so ist der Film eine Freude für Erwachsene und Kinder - allerdings sollten die wegen einiger Grausamkeiten im Umgang mit den Tieren schon etwas älter sein. </P><P>(In München: Mathäser, Marmorhaus, Maxx, Forum-Kinos, Cinema i.O.)<BR><BR>"Zwei Brüder"<BR>mit Guy Pearce, Jean-Claude Dreyfus, Freddie Highmore<BR>Regie: Jean-Jacques Annaud<BR>Hervorragend <BR></P>

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