Düsteres Liebesdrama

- Heimat ist ein missverständlicher Begriff. Jeder braucht eine, aber nur die wenigsten wissen, wo sie eine finden. Denn Heimat hat nichts mit Fahnen, Grenzen oder dergleichen zu tun, sondern mit Menschen, die zusammenfinden. So zeigt es jedenfalls Silvio Soldini in "Brennen im Wind".

<P>Der Italiener hat sich nach seiner heiter-melancholischen Komödie "Brot und Tulpen" bewusst für einen neuen Weg entschieden. Er erzählt ein düsteres, mitunter schon archaisch anmutendes Drama. Der tschechische Emigrant Tobias findet in einem trostlosen Schweizer Nest in einer Landsfrau die große Liebe seines Lebens und stellt ihr mit bemerkenswerter Hartnäckigkeit nach _ obwohl die Frau verheiratet, Mutter und noch dazu mit Tobias verwandt ist. </P><P>Das Begehren, das sich zur Besessenheit steigert, das verlorene Treiben in der Fremde, in der die Liebe der einzige Halt ist, und die unerträglich schwere Last einer dunklen Vergangenheit inszeniert Soldini mit starker Eindringlichkeit. Ivan Franek und Barbara Lukesova in den Hauptrollen spielen zudem, als ginge es um Leben oder Tod. Wie sie die einsamen und dabei zutiefst leidenschaftlichen, verlorenen Seelen porträtieren, ist große Schauspielkunst.</P><P>Mitunter droht das bedingungslose Abtauchen in die pure Emotion, die intim-poetische Atmosphäre ins Melodramatische kippen zu lassen. Aber Soldini und seine Schauspieler umschiffen virtuos immer gerade rechtzeitig die Klippen des Kitsches und halten den Zuschauer im Bann. Das liegt natürlich auch an Soldinis interessantem, dokumentarischem Stil. Er verzichtet auf polierte Bilder und verlogene dramaturgische Kniffe. Die Menschen handeln wie Menschen eben handeln. </P><P>Und die Schweiz sieht als graues Exil so muffig, langweilig und deprimierend aus, dass man absolut versteht, weshalb die Protagonisten davon träumen, irgendwo anders eine neue Heimat zu finden.<BR>Soldini ist ein kleines Meisterwerk gelungen, das den Zuschauer zwar fordert, aber dafür auch mit einem unvergesslichen Kino-Erlebnis belohnt. Übrigens ist "Brennen im Wind" ein faszinierendes Beispiel für die grenzübergreifende Kraft der Kreativität: Ein Italiener verfilmt den auf Französisch geschriebenen Roman einer Ungarin in der Schweiz mit tschechischen Darstellern _ und es funktioniert. (In München: Atelier.)</P><P>"Brennen im Wind"<BR>mit Barbara Lukesova, Ivan Franek<BR>Regie: Silvio Soldini<BR>Hervorragend <BR></P>

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