Der Duft eines Eigenbrötlers

- München - Am Anfang steht die Frage: Warum ist diese Geschichte so interessant? Warum wurden seit 1985, dem Erscheinungsjahr des Buches "Das Parfum", weltweit mehr als 15 Millionen Exemplare verkauft? Was ist dran an der Hauptfigur, an diesem abnormen Eigenbrötler Jean-Baptiste Grenouille, dessen einziges Talent darin besteht, besser riechen zu können als alle anderen Menschen?

Was hat dieser grausame Mörder mit uns zu tun? Dieser Mann, der junge Frauen umbringt, eine nach der anderen - nur um aus ihren Düften ein einzigartiges Parfum zu erschaffen?

"Mir fiel auf, dass alle Leute, die das Buch kannten, es wie einen geheimen Schatz behandelten", sagt Regisseur Tom Tykwer, der den Bestseller zunächst gar nicht lesen wollte, "weil er damals so in Mode war" - und der gestern zur Weltpremiere in München "Das Parfum" als tykwerisches Leinwand-Machwerk präsentierte: der mit 50 Millionen Euro teuerste deutsche Film aller Zeiten.

Wenn er über Grenouille redet, nennt Tykwer ihn einen "Außenseiter, der sich nach Liebe und Anerkennung sehnt" - und dass dieser Teil in uns allen steckt, diese Sehnsucht, etwas ganz Besonderes zu sein. Was Buchautor Patrick Süskind bewegte, Grenouille zu erschaffen, darüber lässt sich allenfalls spekulieren. Denn Süskind gilt - auch - als sonderbarer Einzelgänger. Man weiß nur, dass er in der Ainmillerstraße lebt, im Stadtteil München-Schwabing. Dann wieder in Starnberg oder in Paris, versteckt hinter dunklen Vorhängen, heißt es - aber kaum einer weiß, wo genau. Kaum einer weiß, wie dieser Mann aussieht. Er gibt keine Interviews, hält keine Lesungen und äußert sich nicht in irgendwelchen Talkshows.

Gute 15 Jahre lang sträubte sich Süskind, der in den 80er-Jahren als Drehbuchautor der TV-Serie "Monaco Franze" erste Erfolge feierte, die Filmrechte zu verkaufen. "Und ich dachte, weil wir befreundet sind, geht das besonders leicht", erinnert sich Produzent Bernd Eichinger, der über all die Jahre hartnäckig geblieben ist und schließlich 2001 doch den Zuschlag erhielt, für, wie die Gerüchte besagen, 10 Millionen Euro. Ein anderes Gerücht lautet, Süskind habe sich nur deshalb erweichen lassen, weil im März 1999 der Erfolgsregisseur Stanley Kubrick verstarb - eigentlich habe er nur ihm die Verfilmung zugetraut.

Doch Kubrick hielt "Das Parfum", das Buch der unzähligen Düfte, der Gerüche nach Ammenmilch und Kot, nach Sandelholz und Schuhsohlen, nach Weinkorken und Mädchenhaaren, für unverfilmbar. So wie viele andere auch. Eichinger aber sagt: "Warum denn unverfilmbar? Ein Buch riecht doch beim Lesen auch nicht." Ob Tykwer nun das geschafft hat, was Kubrick für unrealisierbar hielt? Ob Tykwer nicht nur die Kinobesucher, sondern auch Süskind überzeugen kann? "Vielleicht wird sich Patrick mit angeklebtem Bart und Hut in eine Nachmittagsvorstellung schleichen und den Film heimlich angucken", mutmaßt Eichinger. Er selbst hat, wie man es von ihm, dem Perfektionisten, kennt, nichts dem Zufall überlassen.

An die ersten Vorbereitungen machte sich der Erfolgs-Produzent zunächst alleine. Eichinger hat im Jahr 2001 zwei 70-seitige Entwürfe für Drehbücher selbst geschrieben, um festzulegen, "wie ich mir die ganze Sache vorstelle". Später hat er den britischen Drehbuchautor Andrew Birkin mit ins Boot genommen, dann kam Tom Tykwer. Zwei Jahre lang ist das Dreiergespann fast täglich zusammen gesessen und hat geschrieben, 20 Fassungen insgesamt. Am 12.Juli 2005, endlich, begannen die dreimonatigen Dreharbeiten, zunächst in den Münchner Bavaria-Studios, wo das Aufeinandertreffen von Grenouille (Ben Whishaw) und Baldini (Dustin Hoffman) in dessen Pariser Parfümerie inszeniert wurde. Alle weiteren Szenen der Geschichte drehte das Team in der französischen Parfum-Stadt Grasse und in Spanien, unter anderem in Barcelona, Girona und Figueras.

Ein nobel restaurierter Innenstadtplatz in Barcelona etwa wurde mehrere Tage lang in den dreckigen und stinkenden Pariser Fischmarkt verwandelt, wo Grenouille zur Welt kommt und später ein grausames Ende nimmt. Dazu verteilte die Crew 2,5 Tonnen Fisch und eine Tonne Fleisch auf dem Platz. Die Krux bei der Sache: Es durfte nur von acht bis zwölf Uhr gedreht werden, anschließend musste alles wieder weggeräumt werden.

Tykwer dirigierte während der Dreharbeiten insgesamt 5200 Statisten, 350 Crewmitglieder und 67 Schauspieler - Eichinger fehlte in dieser Zeit kaum einen Tag. Aber nicht, um Tykwer zu kontrollieren - "wir sprechen dieselbe Sprache, ich vertraue ihm" -, sondern, weil Eichinger offensichtlich ein Besessener ist. Wie Tykwer. Und wie Grenouille.

Grenouille mag noch so ein Antiheld sein, noch so Scheusal: "Das Publikum verlangt nach solchen Geschichten", sagt Eichinger. Und um die Geschichte weiterzuerzählen, hat er sicher das beherzigt, was er Filmstudenten rät: "Um einen guten Film zu machen, braucht man Herz, Seele und Eier."

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