Durch den Sud gelugt

- Silbergraues Haar auf silbergrauem Kissen, ein Mann mit weißem Gips und eine Frau mit roter Jacke, die verführerisch vor ihm steht und es genießt, dass er sie anfassen möchte, aber es wegen seines Gipses nicht kann.

Dann beugt sie sich ihm ein wenig entgegen, entzieht sich wieder, gibt ihm das gewünschte Wasser nur direkt aus ihrem Mund - eine Geste verhaltener Zärtlichkeit und unverhohlener Erotik. Allein wegen solcher Momente muss man Fruit Chans neuen Film schon sehen.

Denn die Bilder von "Dumplings" sind nicht nur erotisch, sie sind fein und genau komponiert und von höchster Eleganz. Indem die Kamera durch Vorhänge, hinter Tellern, durch kochenden Sud hervorlugt, immer um ein kleines bisschen aus der zentralperspektivischen Achse verschoben, wirkt sie wie der Blick eines Detektivs. Sie macht uns zum Voyeur, streicht durch die Wohnung wie der Wind.

Mythos von ewiger Jugend und Potenz

Vielleicht liegt es an Christopher Doyles Kamera, vielleicht an den zwei wunderschönen Hauptdarstellerinnen, dass man sich mehr als einmal in einen Wong Karwai-Film versetzt fühlt. Eine nicht mehr ganz junge, gut und teuer angezogene Frau kommt in ein verwahrlostes Wohngebiet um dort Dumplings, Teigtaschen zu essen, die offenbar in ganz Hongkong berühmt sind. Die Tonspur sorgt dafür, dass man von Anfang an spürt, dass etwas nicht stimmt. Sie sei viel älter, als sie aussieht, eröffnet die Köchin, die sich Tante Mei nennt, schnell, "das liegt an meinen Dumplings". Die sind ein Jugendelixier, bald sieht auch ihre Kundin noch besser und wieder jünger aus.

Doch was ist das Geheimnis der wirkungsvollen Speisen? Man ahnt es schon früh, die endgültige Antwort erhält man, wenn man sieht, dass Tante Mei, wenn sie nicht kocht, illegal Abtreibungen vornimmt und sich aus den Abfällen für die Füllung bedient. Das ist nicht nur widerlich und nicht nur wunderschön inszeniert; es ist auch ein ernstes Spiel mit den Mythen von ewiger Jugend und Potenz, die in Asien ganz besonders blühen.

Originell und beziehungsreich knüpft Fruit Chan, seit Jahren einer der besten und unabhängigsten Hongkong-Regisseure, an die Kinotradition des surrealen Realismus eines David Lynch und David Cronenberg und an deren Vorliebe fürs Makabre an. Das Drehbuch stammt von Lillian Lee, (Autorin von "Lebewohl, meine Konkubine"), und es scheint sicher, dass dies ein Mann so unverblümt und doch ohne moralisierenden Unterton, so ironisch nicht hätte schreiben können. Zur Gesellschaftssatire wird der Film dort, wo er Szenen einer Ehe zeigt, wo Miriam Yeung ganz großartig eine nervöse Ehefrau in ihren besten Jahren porträtiert, die ihr Leben und ihre Ideale damit vergeudet, für einen egozentrischen Mann noch attraktiv zu bleiben. Darüber hinaus ist "Dumplings" bis in seine Nebenfiguren ein wunderbares, intimes, bitterböses und stellenweise verstörendes Porträt höchst unterschiedlicher Varianten von Weiblichkeit.

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