Der Gipfel der Liebesnacht à la Christoph Marthaler: Tristan (Robert Dean Smith) und Isolde (Iréne Theorin) im zweiten Aufzug der aktuellen Bayreuther Inszenierung. foto: dpa

DVD-Kritik: Bayreuther Erotik fürs Heimkino

München - Wagners „Tristan und Isolde“ soll demnächst als packender Live-Mitschnitt auf DVD erhältlich sein. Doch es gibt Probleme, die mit etwas Schummelei weggezaubert werden sollen.

Vorbei die Zeiten, als das Haus wie eine abgeriegelte Trutzburg über der Stadt thronte. Aufführungen ja. Star-Rummel auch. Aber sonst? Drang nichts aus dem Bayreuther Festspielhaus, wo der selbst erklärte Grundsatz „Hier gilt’s der Kunst“ überstrapaziert wurde. In der neuen Ära mit den Chefinnen Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier ist das anders. Vor allem die Vermarktungsmaschine läuft heiß: Nach Katharina Wagners „Meistersinger“-Mitschnitt auf DVD, Christian Thielemanns „Ring“ auf CD ist nun eine weitere DVD einer noch laufenden (!) Produktion erschienen: Christoph Marthalers Inszenierung von „Tristan und Isolde“, die mittlerweile von Assistentin Anna-Sophie Mahler betreut wird.

Doch wie diese Inszenierung beleben? Wie ihr eine zusätzliche Spannungsdosis fürs Medium Heimkino verpassen? Und während Bildregisseur Michael Beyer im „Making of“ über seine Arbeit sinniert, ahnt man: Das größte Problem ist, dass die Verewigung auf DVD überhaupt in Angriff genommen wurde. Eben weil Christoph Marthaler in seiner Regie dem schwitzenden Gestus von Wagners Musik mit kontrastierender, subversiver Kargheit begegnet. Ein Konzept also, das sich der Übersetzung in „normale“ TV-Ästhetik sperrt.

Der Mitschnitt entstand bei den Festspielen 2009. Basis ist die Aufführung vom 9. August, die im Rahmen der Bayreuther Festspielnacht auf den dortigen Volksfestplatz übertragen wurde. Für die DVD wurden einige Szenen nachgedreht, die den Zuschauer quasi auf die Bühne holen und sich am Ende sogar über Isolde beugen lassen, wenn sie sich sterbend das Bettlaken über den Körper zieht.

Trotz grundsätzlicher Einwände: Der Mitschnitt packt einen gerade in Momenten, in denen der ermüdete Opernbesucher sonst gern mal die Gedanken schweifen lässt. Das liegt vor allem an Robert Dean Smith (Tristan) und Iréne Theorin (Isolde), die Großaufnahmen mühelos standhalten. Gerade Smith, der live oft als freundlicher Verwalter seiner Rollen über die Rampe kommt, gestaltet den letzten Aufzug mit enormer Intensität. Nicht nur, dass er ohne deklamierendes Forcieren auskommt und die Partie tatsächlich singt: Smith bietet nie vergröbernde Klischeegesten – und damit eine Schauspiel-Qualität, die man ihm nicht zugetraut hatte. Ebenso Iréne Theorin, die dank des herangezoomten Mienenspiels die Wandlung von der spöttischen Königstochter zum verspielten Teenie im Spießerkostüm bis zur reifen, wissenden Frau glaubhaft verkörpert. Sie überspielt damit gut, dass ihre Stimme nur unzureichend kanalisiert ist und sich über weite Passagen flackernd und diktionsarm durch die Partie bewegt. Dafür behauptet sie sich gegen das Dirigat Peter Schneiders, der den „Tristan“ als recht robuste, diesseitige Angelegenheit begreift.

Michael Beyers Schnitte, Kameraschwenks und -fahrten künden vom tiefen Wissen um die Kraftlinien dieser Inszenierung. Im Falle des Hirten, für den Arnold Bezuyen sofort für Marthalers Schauspiel-Ensemble engagiert werden müsste, werden sogar neue Akzente gesetzt.

Und doch hakt manches. Der erste Aufzug zieht in zu hektischer, Anti-Marthaler-hafter Schnittfolge vorbei. Und im zweiten Aufzug, wenn Smith und Theorin auf der Bank sitzen, wird’s unfreiwillig komisch. Hier fehlt dann doch der Blick auf die Totale von Anna Viebrocks Bühne. Ein Blick, der die Einsamkeit der Figuren, das Absurde ihrer Situation erst verdeutlicht. Aber an den Ersatz eines Live-Genusses hat ja ohnehin keiner gedacht. Als Dokument einer diskussionswürdigen Inszenierung funktioniert die DVD allerdings bestens.

Markus Thiel

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