Der Tod im eigenen Haus

- "Der Film, den es bis jetzt nicht geben konnte", lautet der Untertitel auf allen Plakaten, die "Osama" von Siddiq Barmak ankündigen. Das ist ausnahmsweise kein lautes Werbetrommeln, sondern die Wahrheit: "Osama" ist der erste Spielfilm, der nach dem Fall des Taliban-Regimes von einem afghanischen Regisseur in Afghanistan realisiert werden konnte. Dadurch wird der Film bereits zum interessanten Zeitdokument. Die von Barmak sensibel erzählte Geschichte mit ihren prägnanten und einfachen Bildern machen den Streifen zu einem der bisher sehenswertesten des neuen Jahres.

<P>Das Afghanistan der Taliban-Ära ist kein guter Platz für allein stehende Frauen. Der Mann ist im Krieg gegen die Taliban gefallen, der Bruder wurde von den Russen erschossen, und der Vater ist seit langem tot. Allein drei Frauen, Großmutter, Mutter und die zehnjährige Tochter, sind übrig geblieben. Ohne Mann in der Familie ist das Überleben für sie alle kaum möglich: Die Mutter, ausgebildete Krankenschwester, darf nicht arbeiten, Geld fehlt überall. Und da die Taliban den Frauen verbieten, sich ohne Begleitung eines männlichen Verwandten in der Öffentlichkeit zu bewegen, ist die Familie faktisch dem Hungertod im eigenen Haus ausgeliefert. Bis die Oma der Enkelin die Haare schneidet und sie als Junge verkleidet. </P><P>Osama, wie das kleine Mädchen fortan heißt, findet schnell Arbeit bei einem Freund des verstorbenen Vaters, und alle erholen sich ein wenig vom Leid der vergangenen Tage. Doch das Glück währt nicht lange. Osama muss mit den Jungen in die Koran-Schule - die tödliche Gefahr, entdeckt zu werden, wird täglich größer. . . </P><P>Barmak schildert in poetischen Szenen und mit viel Einfühlungsvermögen, wie sich ein gebildetes Volk dem Terror eines extremistischen Regimes beugt. Er vermeidet eine plumpe Anklage, zeigt nur auf, wie Repressalien das Leben Einzelner, Männer wie Frauen, brutal verändern. Barmaks verstörender Film illustriert die Nachrichten aus Afghanistan mit Bildern, die sich tiefer einbrennen als jede Tagesschau. ( In München: Arri, Atelier)</P><P>"Osama"<BR>mit Marina Golbahari<BR>Regie: Siddiq Barmak<BR>Hervorragend <BR></P>

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