Einatmen, ausatmen

- Seit er als Kind bei einem Autounfall seine Eltern verloren hat, ist der junge Rettungssanitäter Crash (Matthias Schweighöfer) nicht mehr ganz von dieser Welt. Mit der instinktiven Sicherheit eines Schlafwandlers fährt er mit seinem Einsatzwagen durch Köln. Rettet Leben. Leistet Hilfe. Spendet Trost. Sein Dasein jenseits der Arbeit sieht verzweifelter aus. Wenn einem im Leben nichts mehr bleibt, kann man nur noch zwei Dinge tun: einatmen und ausatmen. Dieser Satz ist Crashs Lebensmotto bis er bei einem nächtlichen Einsatz die hochschwangere November (Jessica Schwarz) kennen lernt . . .

<P>Hendrik Hölzemann hat sich erste Sporen verdient, als er das angenehm unprätentiöse, wunderbar dichte und realistische Drehbuch zu Benjamin Quabecks "Nichts bereuen" verfasste. Bei der Verfilmung seines zweiten Drehbuchs hat er nun selbst die Regie übernommen. Letztlich war die Geschichte in "Nichts bereuen" ebenfalls die von einem schüchternen Jungen, der einem tollen Mädchen begegnet und nicht weiß, wie er sie für sich begeistern soll.<BR><BR>"Kammerflimmern" fehlt allerdings der lockere Ton und die Versöhnlichkeit von "Nichts bereuen". Der Film ist ernster, melancholischer und vor allem deutlich poetisch-mystischer in seiner Erzählstruktur mit dem häufigen Wechsel zwischen Traum und Wirklichkeit. Es ist beeindruckend, wie scheinbar leicht und unbekümmert Hölzemann hier seine romantische Liebesgeschichte neben eine knallharte und wenig erträgliche Realität stellt, in der von glücklichen Paarbeziehungen nicht mehr viel übrig ist: Da gibt es die junge Ehefrau, die bereits einige Tage nach der Hochzeit von ihrem Gatten krankenhausreif geprügelt wird. Da ist die elegante, erfolgreiche Karrierefrau, die den Anblick ihres nach einem Schlaganfall plötzlich nur noch sabbernden Mannes nicht ertragen kann. Und da ist der alkoholabhängige Obdachlose, der sich nur betrinkt, um in Ruhe was Schönes träumen zu können.<BR><BR>Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen. Hölzemann hat seinen Luther gelesen und aus dieser Erkenntnis ein sehr bewegendes Drama voller Schwermut, aber auch mit viel Hoffnung geschaffen. Wesentlich näher am Leben, an den Personen dran als etwa Martin Scorseses "Bringing Out the Dead", eine im Vergleich sehr viel gelacktere Hochglanz-Version des Sanitäter-Daseins, die wie ein bunter Drogenrausch daherkam. Hölzemann hingegen filmt nicht ausschließlich den nächtlichen Exzess, sondern er fängt den ganzen unspektakulären, erbarmungslosen Alltag von Crash und seinen Kollegen ein. Visuell äußerst geschickt, mit unvermittelten Perspektivenwechseln, Fragmentierungen, Zeitlupen und einem wohlakzentuierten Soundtrack. </P><P>(In München: Maxx.)<BR><BR>"Kammerflimmern"<BR>mit Matthias Schweighöfer, Jessica Schwarz<BR>Regie: Hendrik Hölzemann<BR>Sehenswert </P>

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