Eine Bustour nach Italien

- Ein Phänomen unter deutschen Kinogängern: Die neuen Arbeiten aus Hongkong von Wong Kar-wai oder die aktuellen Produktionen des Chinesen Zhang Yimou kennen sie alle. Doch was sich direkt vor unserer Nase in den Nachbarländern zwischen Ostsee und Adria auf der Leinwand abspielt, weiß kaum jemand.

Das soll sich nun ändern. Das Filmfest München bietet heuer mit der Reihe "Aus der Mitte" die Möglichkeit, sich intensiv mit aktuellen Produktionen aus Tschechien, Bosnien-Herzegowina, Mazedonien, Kroatien, Slowenien, Ungarn und Polen zu beschäftigen.

Denn auch 17 Jahre nach dem Fall des "Eisernen Vorhangs" ist dieser Kulturraum noch nicht wirklich in unserem Bewusstsein angekommen. Die zahlreichen Krisen allein der letzten Jahre haben das Leben der Filmemacher in der Region nachhaltig verstört und in ganz unterschiedlichen Ausprägungen beeinflusst. Inzwischen zeichnet sich überall ein künstlerischer Neubeginn ab.

Wie sehr sich diese Anfänge aber unterscheiden, macht die eigentliche Spannung der Reihe "Aus der Mitte" aus. Die jungen Regisseure aus Tschechien, Ungarn oder Polen haben den Umbruch von 1989 meist als Teenager miterlebt. Der ideologisch zementierte, mit vielen Repressalien versehene Alltag vor der Revolution ist ihnen nicht mehr wirklich vertraut und schimmert auch in ihren Arbeiten nur mehr als Kindheitserinnerung durch.

So können heute in Tschechien beispielsweise Filme entstehen wie die temporeiche, wunderbar witzige Urlaubskomödie "Holiday Makers". Mit sonnendurchfluteten Bildern und einem ganz trockenen, lakonischen Humor schickt Jiri Vejdelek eine Reisegruppe recht verschrobener, aber liebenswerter Charaktere auf eine Bustour nach Italien. Einen tiefen Blick in die aktuellen Lebensumstände leistet die Dokumentation "Borderline Lovers" von Miroslav Mandic. Sehr drastisch und entlarvend sind mitunter die Situationen, in denen Mandic seine sehr unterschiedlichen Paare mit der Kamera beobachtet. Gemeinsam ist den Liebespärchen nur, dass sie alle während der Kriege im ehemaligen Jugoslawien über die ethnischen Grenzen hinweg zueinander gefunden haben. Was im Alltag immer noch gehörige Probleme mit sich bringt . . .

Auf eine andere Weise schonungslos und gerade dadurch ungemein direkt und erschütternd ist die Dokumentation "Vucovar - The Final Cut" von Janko Baljak. Der Serbe hat lange in Archiven gewühlt und jede Menge alte Nachrichtensendungen ausgegraben. Baljak befördert so einiges ans Tageslicht, was viele gerne vergessen würden. Doch der Regisseur zwingt zur Erinnerung an die systematische Zerstörung der kleinen kroatischen Stadt.

Aber im ehemaligen Jugoslawien werden nicht nur Dokumentationen gedreht, sondern auch respektlose und sehr skurrile Satiren wie beispielsweise "Bal-Can-Can" des Mazedoniers Darko Mitrevski, der sich mit diesem wüsten Gangsterfilm als eine Art ausgeflippter Bruder von Emir Kusturica empfiehlt.

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