Eine emotionale Erfahrung

- Tracy Chevaliers Bestseller "Das Mädchen mit dem Perlenohrring" ist eine Fantasie über eines der berühmtesten Bilder von Jan Vermeer. Das Kinodebüt des Briten Peter Webber, der bisher für das Fernsehen arbeitete, wurde in mehreren Kategorien für den Oscar nominiert und eröffnet heute Abend das Münchner Filmfest.

<P>"Das Mädchen mit dem Perlenohrring" ist eines der bekanntesten, auch rätselhaftesten Bilder Vermeers. Als Ihr Mädchen wählten Sie Scarlett Johannson. Mittlerweile ist sie durch die Hauptrolle in Sofia Coppolas "Lost in Translation" weltberühmt; zur Zeit der Dreharbeiten war sie das nicht. Warum hatten Sie sich für sie entschieden?<BR><BR>Webber: Keiner weiß bis heute, wer das auf dem Bild abgebildete Mädchen war; vielleicht Vermeers Tochter, vielleicht ein Nachbarsmädchen. Die Geschichte des Films ist eine Fantasie. Wir mussten natürlich eine Darstellerin nehmen, die ungefähr wie das Mädchen im Bild aussieht. Allerdings: Als ich Scarlett zum ersten Mal in einem Café´ in New York traf, sah sie gar nicht so aus, wirkte überhaupt nicht wie das stille Mädchen aus dem Film. Die Wahl fiel dennoch auf sie, weil es eine Entscheidung war für die beste Darstellerin, nicht für die größte Ähnlichkeit. Erst später, bei Make-up-Tests sah ich, dass sie wirklich sich dem Gemälde angleichen konnte. Und sie hat die Begabung, dass das, was sie denkt, an ihren Augen abzulesen ist. Das war sehr wichtig. Es ist eine stille Rolle, und wir wollten keinen inneren Monolog einsetzen.<BR><BR>Wie haben Sie sich solch einer Kunst-Figur angenähert? Voller Respekt oder eher unvoreingenommen?<BR><BR>Webber: Natürlich hatte ich Respekt. Aber es war mein Glück, dass über Vermeer wenig bekannt ist. Insofern konnten wir unsere Fantasie spielen lassen.<BR><BR>Es ist beeindruckend, wie Ihr Film die Stimmung und Atmosphäre in Vermeers Bildern einfängt . . .<BR><BR>Webber: Das war das Schwierigste. Es hat lange gedauert, um Vermeers Licht zu reproduzieren. Im Film allerdings sieht's ganz einfach aus . . . Wichtig waren mir bei allen technischen Fragen vor allem aber erstens: die Humanität der Story zu bewahren; Kostümfilme sind meist zu sehr konzentriert auf Details; dabei geht oft die Humanität verloren. Und zweitens: die Gegenwärtigkeit des Stoffes.<BR><BR>Was ist das Gegenwärtige?<BR><BR>Webber: Natürlich liegt es nahe zu sagen: Ein Film über einen Bildermacher - das ist eine Auseinandersetzung mit dem Bildermachen, also unter anderem auch ein Film über den Film. Aber darüber hinaus ist "Das Mädchen mit dem Perlenohrring" vor allem ein Film über Sex, Macht und Geld. Zuerst hatte mich das Script nicht interessiert. Doch dann begriff ich, dass hinter der glatten Oberfläche noch andere Dinge lagen: etwas Dunkles, Perverses, Obsessives. Auch Vermeers Bilder sind dunkel. Während das amerikanische Kino sich nur für das Helle interessiert, lieben wir Europäer auch im Kino das Dunkle.<BR><BR>Was hatten Sie früher für ein Verhältnis zu Vermeer? Wie ist Ihr Verhältnis jetzt?<BR><BR>Webber: Ich habe ein ähnliches wie jeder normale Museumsbesucher. Die Arbeit am Projekt war wunderbar. Zunächst durfte ich monatelang durch alle möglichen europäischen Museen reisen, um mir Vermeers komplettes Werk im Original anzusehen. Im Film sieht man natürlich keine Originale, sondern nur perfekte Kopien, die wir mit Hilfe von Kunsthistorikern anfertigten. Zum Teil sieht man auch Nachstellungen von Werken in verschiedenen Entwicklungsstadien. Die Originale im Film zu zeigen, wäre wegen der Versicherungskosten teurer als der ganze Film. Es war eine emotional interessante Erfahrung, sich in Vermeer hineinzudenken, auch ein Gedankenexperiment. Man setzt sich automatisch in ein Verhältnis von Künstler zu Künstler.<BR><BR>Der Film wäre nicht, was er ist, ohne Ihren portugiesischen Kameramann Eduardo Serra, der die Bilder wesentlich mitgestaltet hat . . .<BR><BR>Webber: Serra ist ein Gott für mich. Wir haben beide an der Sorbonne Kunstgeschichte studiert, so hatten wir gemeinsame Grundlage.</P><P>Das Gespräch führte Rüdiger Suchsland</P><P><BR> </P>

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