Eine Kindheit in der Vorhölle

- Es gibt diese Bücher, die jeder kennt, aber kaum einer wirklich gelesen hat. "Oliver Twist" von Charles Dickens ist ein solcher Roman. Und es ist nicht abwegig, seine Popularität mit den erfolgreichen Verfilmungen zu erklären. Aber so werkgetreu wie Roman Polanskis "Oliver Twist" ist keine der vorherigen drei Kinoversionen.

Polanskis eigene traumatischen Erlebnisse

Auf berührend intensive Weise lässt sich Polanski auf den Kosmos der Buchvorlage ein. Die dreckigen Gassen des Molochs London im 19. Jahrhundert, in denen der neunjährige Waisenjunge Oliver (Barney Clark) um sein Überleben kämpft, zeigt Polanski nicht als pittoreske Kulisse, sondern als Furcht erregend, zeitlose Vorhölle. In ihr wird Oliver zunächst in staatlichen Erziehungsanstalten und Arbeitshäusern gemartert. Dann gerät er in den Bannkreis des rücksichtslosen Gangsters Mr. Fagin (Ben Kingsley), der im einnehmenden Oliver den perfekten Taschendieb sieht.

Wie aus einer verpfuschten Kindheit doch noch ein Weg in ein intaktes Leben führt, ist das Thema, das Polanski fasziniert. Denn trotz des Schmerzes, der Demütigungen und der Bösartigkeiten, die Oliver durchlebt, bleibt er anständig. Der zwölfjährige Barney Clark spielt das mitunter erschütternd glaubwürdig. Das Bewusstsein des Menschen wird also vielleicht doch nicht, wie Karl Marx einmal formuliert hat, vom Sein der Umgebung bestimmt. Irgendetwas in Oliver erhält die Menschlichkeit, auch wenn er von Zynismus und Gewalt umgeben ist.

Es ist wahrscheinlich, dass die Wucht der Bilder, die Polanski dafür findet, auf eigene Erlebnisse schließen lässt: Lawrence Weschler hat im brillanten Essay "Polish Survivor Stories" mit Blick auf Roman Polanski geschrieben, dass er in jedem Film verschlüsselt seine traumatischen Kindheitserlebnisse als Überlebender des Holocaust behandle. In "Der Pianist" hatte er erstmals direkt Krieg und Nazi-Terror gezeigt. Und über weite Passagen könnte "Oliver Twist" auch die Biografie Polanskis sein: das hilflose Kind, das sich in einer feindseligen Umwelt behaupten, das um sein Leben fürchten muss, obwohl es niemandem etwas getan hat. Es gibt Momente in diesem Film, die könnten auch in den Straßen des Warschauer Gettos spielen. Der Produktionsdesigner Allan Starski und der phänomenale Kameramann Pawel Edelman haben es verstanden authentische Bilder zu schaffen, die diese Assoziation zulassen, ohne sie aufzudrängen. Wunderbar altmodisch ist das in dem Sinne, dass die Kulissen und Einstellungen organischer Teil der Handlung werden. Die Szenen, in denen er den Schrecken eines solchen Alltags zeigt, sind die beklemmendsten und besten in "Oliver Twist".

Der Kinderseele, die manchmal so verzweifelt ist, dass sie am liebsten aufhören würde zu existieren: Ihr gilt Polanskis Sympathie. Es ist die Perspektive des unverdorbenen Jungen, die dem Film seine Kraft verleiht. Wenn der grandiose Ben Kingsley als Mr. Fagin einmal sein kriminelles Verhalten rechtfertigt, indem er darauf verweist, dass er die Kosten aufbringen müsse, die der Unterhalt von Straßenkindern wie Oliver nun einmal mit sich bringe, glaubt ihm Oliver keine Sekunde. Er ist in gewisser Hinsicht zu naiv, um der perfiden Logik der Erwachsenen folgen zu können - eine Haltung, die man sich als Erwachsener mühsam erkämpfen muss. Polanski tut das mit diesem Film. Ein makelloses Meisterwerk.

(In München: ABC, Mathäser, Museum i.O.)

"Oliver Twist"

mit Barney Clark, Ben Kingsley

Regie: Roman Polanski

Hervorragend

Und zum Nachlesen: Charles Dickens: "Oliver Twist". insel Taschenbuch Verlag, Frankfurt a.M./ Leipzig, 464 Seiten; 9,90 Euro.

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