Eine Kugel bis zur Apokalypse

- Eigentlich passiert fast gar nichts. Aber es reicht, um das Leben von Menschen zu zerstören, und das auf verschiedenen Kontinenten gleichzeitig. Irgendwo in der marokkanischen Wüste spielen zwei Kinder mit dem Gewehr ihres Vaters. Eher spielerisch zielen sie auf einen vorbeifahrenden Bus. Ein Schuss löst sich ­ das ist auch schon "alles".

Dem mexikanischen Regie-Wunderkind Alejandro González Iñárritu genügt das, um ein apokalyptisches Drama zu entfalten. Das gelingt ihm mit einem verblüffend einfachen Mittel: Er richtet den Blick radikal auf den Einzelnen. Und schon ist diese eine Kugel, die zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort abgefeuert wird, viel vernichtender als die zahllosen Feuergefechte sämtlicher Actionfilme dieses Jahres.

Die Kugel verletzt die amerikanische Touristin Susan (Cate Blanchett) schwer, ihr Mann Richard (Brad Pitt) rast wie ein Berserker herum, um seine Frau zu retten. Die US-Botschaft erschwert die Situation, indem sie den Zwischenfall als Terrorakt wertet, es kommt zu diplomatischen Verwicklungen. In den USA verzweifelt derweil das Kindermädchen des Paares. Sie will unbedingt zur Hochzeit ihres Sohnes nach Mexiko. Aber der Gewehrschuss macht ihre Planungen zunichte -­ ihre Auftraggeber kommen nicht rechtzeitig zurück. Also nimmt sie die beiden anvertrauten Kinder mit nach Mexiko, was fatale Folgen hat.

Im fernen Tokio liefert der marokkanische Vorfall einer taubstummen Außenseiterin den Vorwand, gegen ihren Vater aufzubegehren und ihm wehzutun: Der Mann hatte sein Gewehr bei einem Jagdurlaub in Marokko verschenkt ­- vielleicht war es genau dieses Gewehr, aus dessen die fatale Kugel stammte.

Iñárritu schert sich auf den ersten Blick wenig um eine klassische Erzählstruktur. Wie irre geworden, springt er zwischen Schauplätzen, Charakteren und Zeiten hin und her. Verblüffend ist die Kunstfertigkeit, mit der er das tut. Willkür und Zufälle beherrschen das Geschehen, und die Protagonisten sind hilflos. Unbeteiligt am Schrecken, der sie umgibt, sind sie freilich nicht. Das ist das Thema, das Iñárritu seit jeher umtreibt: Ist der Mensch einem gleichgültigen Schicksal ausgeliefert, oder ist das Schicksal nur Ausrede, um unser Versagen zu rechtfertigen?

In "Babel" hat jeder seinen Grund, so zu handeln, wie er es tut. Aber alle handeln falsch. Wie der Titel nahelegt, ist die Unfähigkeit zur Kommunikation das Problem, und das liegt nicht einmal an mangelnden Sprachkenntnissen. Die Menschen bei Iñárritu sind isoliert und benehmen sich wie Autisten.

Wenn Richard fast besinnungslos vor Wut und Verzweiflung alle um sich herum wie Dreck behandelt, weil er um das Leben von Susan fürchtet, ist das jedem begreiflich. Aber Iñárritu lässt auch einen anderen Blickwinkel zu. Für die Marokkaner ist es einfach nur ein reicher und arroganter Amerikaner, der sich für etwas Besseres hält. Iñárritu enthält sich der moralischen Bewertung seiner Figuren. Er will keine Antworten geben. Er stellt Fragen, und zwar unerbittlich diejenigen, die wehtun.

Der nihilistische Grundton wird am Ende mit einer Andeutung von Hoffnung abgemildert, aber es bleibt der Eindruck, den Georg Büchner einmal als Gefühl schilderte, wie "zernichtet vom grässlichen Fatalismus der Geschichte" zu sein. Ein furioser und durchrüttelnder Höllenritt, der einen nachdenklich, wenn nicht todtraurig zurücklässt.

(Ab morgen in München: Arri, Münchner Freiheit, City, Atlantis i.O., Cinema i.O.)

"Babel"

mit Brad Pitt, Cate Blanchett

Regie: Alejandro Gonzalez Iñárritu

Hervorragend *****

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