Eine Reise ins Herz

- Jahrzehntelang war Robert Redford der Inbegriff des jungenhaften Helden im amerikanischen Kino. Aber nun, mit 68 Jahren, präsentiert er sich in "Ein ungezähmtes Leben" als alter Mann. Notorisch schlecht gelaunt, schlurft er durch ein bittersüßes Familiendrama von Lasse Hallström ("Gottes Werk und Teufels Beitrag") und legt dabei eine merkwürdig einnehmende Schrulligkeit an den Tag, die er früher nur angedeutet hatte.

Redford spielt den wortkargen Einar, der seit dem Tod seines einzigen Sohnes abgeschieden auf einer Farm in US-Bundesstaat Wyoming, also dem Ende der Welt, lebt und sich um den pflegebedürftigen Mitch (Morgan Freeman gewohnt souverän) kümmert. Der eintönige Alltag wird unterbrochen, als Einars Schwiegertochter Jean (Jennifer Lopez mit einer erstaunlich akzeptablen Vorstellung) mitsamt Enkeltochter aufkreuzt.

Sie will sich vor ihrem gewalttätigen neuen Freund verstecken. Einar will sie nicht um sich haben, weil er ihr die Schuld am Tod seines Sohnes gibt. Aber Mitch findet die Abwechslung im öden Landleben extrem anregend. Die Konstellation nutzt Hallström zu einer Art Reise ins Herz seines Protagonisten Einar, der verbissen an seinem Schmerz hängt, weil er sonst nichts mehr hat.

Der Film lässt sich viel Zeit, erzeugt dabei mehr Stimmung., als dass er eine echte Geschichte erzählt, aber genau das macht den Reiz aus. Die Charaktere treiben die Handlung voran und nicht umgekehrt. Das war von jeher Hallströms Stärke. In "Ein ungezähmtes Leben" führt er das mit beachtlicher Souveränität vor und laviert extrem geschickt zwischen Sentimentalität und knochentrockenem Witz.

Das funktioniert freilich auch, weil er über das passende Personal verfügt. Redford und Freeman als kauzige Freunde beispielsweise treffen den Ton zwischen Menschen, die sich viel zu gut kennen, um sich noch verletzen zu können, mit traumwandlerischer Perfektion. Und als Bonus hat Hallström noch Becca Gardner zu bieten, der es tatsächlich gelingt, der klischeebeladenen Rolle der liebenswerten Enkelin neue Nuancen abzugewinnen.

Kein spektakulärer, aber ein warmherziger Film, der in seiner aufrichtigen Schlichtheit jeden berührt, der sich darauf einlässt.

"Ein ungezähmtes Leben"

mit Robert Redford, Morgan

Freeman, Jennifer Lopez

Regie: Hasse Hallström

Annehmbar

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