Eine Sandburg bauen am Strand

- Es blieb ein Kopf-an-Kopf-Rennen bis zum überraschenden Schluss. Die 78. Oscar-Nacht wurde auf der Ziellinie zugunsten des Rassismus-Dramas "L.A. Crash" als bester Film des Jahres entschieden. Nach all den Diskussionen über die Liebesgeschichte schwuler Cowboys im Film "Brokeback Mountain" musste sich der hoch favorisierte Regisseur Ang Lee mit drei Preisen für Regie, Musik und Drehbuch begnügen. Keinen Jubel gab es bei der großen deutschen Delegation in Hollywood. Sowohl Marc Rothemund mit "Sophie Scholl - Die letzten Tage" als auch Ulrike Grote mit dem Kurzfilm "Ausreißer" gingen leer aus.

"L.A. Crash", von der Academy of Motion Pictures, Arts and Sciences zur besten Produktion des Jahres gewählt, ist ein Ensemble-Film über alltäglichen Rassismus, Intoleranz und Gewalt in Los Angeles. "Keiner von uns hat das wirklich erwartet", sagte Regisseur und Autor Paul Haggis (52). "Das war doch eigentlich nur ein kleiner Film. Wir haben alle Regeln gebrochen, und Hollywood hat das belohnt." In den deutschen Kinos ist der Überraschungssieger der Oscar-Nacht trotz hervorragender Kritiken mit nur rund 200 000 Besuchern allerdings untergegangen.

Als beste Hauptdarsteller wurden im Kodak Theatre in Hollywood Philip Seymour Hoffman (38) für "Capote" und Reese Witherspoon (29) für "Walk The Line" ausgezeichnet. Über den Oscar als beste Nebendarstellerin freute sich die hochschwangere Rachel Weisz, die die Trophäe all jenen Menschen widmete, "die bereit sind, ihr Leben zu riskieren, um gegen Ungerechtigkeit zu kämpfen".

Superstar George Clooney, der als Nebendarsteller in "Syriana" und als Regisseur und Produzent von "Good Night, and Good Luck" gleich dreimal nominiert war, musste sich mit einer Auszeichnung für seine Leistung vor der Kamera begnügen. "Damit ist eigentlich klar, dass ich nicht bester Regisseur werde", meinte er gleich am Anfang der Gala lakonisch - und bedankte sich trotzdem stilvoll bei der Academy: "Hier in Los Angeles leben ziemlich viele abgehobene Leute." Umso wichtiger sei es, dass über die Oscars Themen wie Aids oder Rassismus mit dieser Welt in Kontakt gebracht würden.

Bei der Pressekonferenz hinter der Bühne verteidigte Clooney die umstrittenen Nominierungen vieler kleiner, unabhängiger Filme dieses Jahrgangs noch deutlicher: "Es geht nicht immer nur ums Geschäft. Viele der nominierten Filme sind vom Mainstream entfernt, aber der Mainstream verändert sich. Und das ist das Schöne auch heute Abend."

Mit großen Plüschpinguinen im Arm waren die französischen Macher des besten Dokumentarfilms "Die Reise der Pinguine" die Sympathieträger auf der Bühne. Sehr emotional bedankte sich Gavin Hood aus Südafrika, Regisseur des besten Auslandsfilms "Tsotsi", für die Auszeichnung und rief: "Viva Afrika!"

"Rückkehr zum Glamour" war das Motto der Gala - und diese herausragende Qualität des "alten Hollywood" stach besonders optisch hervor. Im eleganten Bühnenbild im Stil der Goldenen 20er-Jahre nahmen vor allem die weiblichen "Presenter" beim Öffnen der Umschläge das Thema ernst: Nicole Kidman in beinahe überirdischer Perfektion, Charlize Theron in göttlicher schwarzer Seide, Uma Thurman als strahlende Diva, Jennifer Lopez und Salma Hayek in schimmernden Roben - sie verliehen der Show den dringend benötigten Schauwert.

Moderator Jon Stewart, der zum ersten Mal durch die Oscar-Gala führte und sich glänzend bewährte, setzte als Gegenpol dazu auf bissige Satire. Lily Tomlin und Meryl Streep lieferten einen komödiantischen Höhepunkt mit ihrer absichtlich völlig verrutschten Rede auf den großen Regisseur Robert Altman, der für sein Lebenswerk gewürdigt wurde. "Einen Film zu drehen ist, wie am Strand eine Sandburg zu bauen. Man lädt alle ein, die Burg zu bewundern und freut sich an ihrer Pracht. Aber dann kommt die Flut und wäscht alles wieder weg. Doch die Sandburg bleibt immer im Gedächtnis."

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