Eine Art späte Rache

- Bedenkt man, was der Mann schon alles getan hat in seinem Leben, vom Filmkritik-Verfassen übers Drehbuch-Schreiben bis hin zum Inszenieren von Dokumentar- und Kinofilmen, klingt der Satz fast schon komisch: "Ich wollte eben mal etwas anderes machen", erklärt Eckhart Schmidt die Motivation zu seinem neuen Spielfilm "Sunset Motel", der im Rahmen des Münchner Filmfests uraufgeführt wird.

<P> "Es sollte ein Film werden, in dem jede Einstellung zählt, den man genau und konzentriert zuschauen muss, um den Hintergrund zu begreifen." Vielleicht ist "Sunset Motel" also eine Art späte Rache. </P><P>"Ich habe heftige Verrisse abbekommen." <BR>Eckhart Schmidt<BR><BR>Die Rache des ewig Unterschätzten, der in den späten Sechzigerjahren zwar gegen Opas Kino der Fünfziger wetterte, aber genauso gegen das verkopfte Problemkino der Autorenfilmer. Statt sich nach dem Oberhausener Manifest zu richten und jeder Filmfigur von nun an eine mehrdimensionale, psychologisierende Tiefenschärfe zu verleihen, drehte Schmidt damals "Atlantis - Ein Sommermärchen", eine Komödie der Pop-Generation über Amazonen und geschrumpfte Männer. Eine Posse, ein Lustspiel - und auch viel mehr.<BR><BR>Doch das hat man 1969, als alle nur noch diskutieren wollten, einfach nicht verstanden. "Diese ganze hintergründige Psychologie hat mich noch nie interessiert. Ich will nur wissen, wie zwei Leute miteinander auskommen, die sich gegenüber stehen. Was haben die sich zusagen? Dazu muss ich nicht wissen, woher die Leute stammen, wie etabliert ihr Elternhaus war oder wie solide ihre Ausbildung. In meinen Filmen erfährt man nichts über die Hintergründe der Personen. Keine Biografie, keine Berufsbezeichnungen oder Ortsangaben. Das interessiert mich auch im wirklichen Leben nicht." <BR><BR>Man hat Schmidt deswegen oft der Oberflächlichkeit bezichtigt. Überhaupt ist die Presse mit Schmidt in all den Jahren seines Schaffens als Regisseur nicht gerade zimperlich umgesprungen. "Der Fan" von 1982, "Die Story" (1984), "Undine" 1992 oder auch die Literaturverfilmung "E.T.A.Hoffmanns Der Sandmann" kamen gelinde gesagt nicht überall gut an. "Ich habe so heftige Verrisse abbekommen, dass ich da inzwischen wirklich abgebrüht bin. </P><P>Denn es ist doch so: Ein Film kommt mal besser, mal schlechter an beim Publikum. Was soll's. Das ist eben so. Ich glaube, ich habe noch niemals beim Drehen Kompromisse eingehen müssen, und das ist mir das Wichtigste. Ich will mir selbst gegenüber ehrlich sein. Darauf kommt es an. Abgesehen davon sind die Filme alle frei entstanden, nur mit meinem eigenen Geld finanziert." Schmidt fügt lachend hinzu: "Dafür habe ich eben noch immer kein Ferienhaus irgendwo im Süden." <BR><BR>Die Freiheit beim Filmemachen ist ihm wichtig, auch die Freiheit des Zuschauers. "Ich drehe nie mit einem Kommentar, werte nicht. Ich will das Publikum nicht fangen oder dramaturgisch manipulieren. Außerdem wollen die Leute nicht immer zugelabert werden, sondern sich auch mal selber Gedanken machen. Das funktioniert aber nur, wenn ich keine starren Vorgaben liefere, sondern Bilder, die man immer neu interpretieren kann." Das ist ihm bei "Sunset Motel" gelungen. In fast statischen Einstellungen und exakt komponierten Bildern skizziert Schmidt in seinem neuesten Kinofilm eine zum Scheitern verurteilte Liebesbeziehung mit tödlichem Ausgang. Das Pärchen, zwei in L.A. gestrandete, völlig entwurzelte Menschen, reiben sich in ihrer Sehnsucht nach einer perfekten Liebe gegenseitig auf.<BR><BR>"Meine Storys sind immer abgehoben. Meine Figuren haben nie einen wirklichen Beruf, den sie ausüben. Ihre Biografie bleibt immer abstrakt. Das ist auch diesmal so. Ansonsten denke ich aber schon, dass ,Sunset Motel im Vergleich mit meinen früheren Arbeiten wirklich so anders geworden ist, wie ich es wollte." Ist er. Aber gerade deshalb wird es amüsant sein, auch Schmidts frühere Filme im Rahmen der ihm gewidmeten Ehrenreihe des Filmfests noch einmal begutachten zu können. Vermutlich auch für ihn. Denn seine einmal abgedrehten Filme schaut er sich eigentlich nie wieder an.</P><P>"Sunset Motel": 2.7. im Arri, 3.7. im Maxx. <BR>Die alten Filme laufen in der Münchner Freiheit.<BR><BR></P>

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