Eine Stunde Liebe

- In sechs Monaten. An der gleichen Stelle. Zur gleichen Zeit. Mit dieser Verabredung endete 1995 Richard Linklaters Romanze "Before Sunrise", in der die Französin Celine (Julie Delpy) und der Amerikaner Jesse (Ethan Hawke) eine Sommernacht in Wien durchquatschten. Jetzt erfährt der Zuschauer in Linklaters Fortsetzung "Before Sunset", dass dieses Treffen nie stattgefunden hat. Er war da. Sie nicht.

<P>In teils selbstverliebt-prätentiösen, teils sehr anrührenden Anekdoten setzte Linklater, seit "Slacker" eine Ikone des US-Independent-Kinos, damals ein präzises Bild der Mittzwanziger in den Neunzigerjahren zusammen. Eine Frau, ein Mann, eine Stadt, und dann wird geredet - das sind normalerweise die klassischen Ingredienzien des französischen Kinos. Linklater schuf aus dieser schlichten Konstellation eine Romanze, die leichtfüßig wie ein Sommerflirt daherkam. An einen solchen Geniestreich anknüpfen zu wollen, kann eigentlich nur schief gehen.<BR><BR>Fortsetzungen kommen, die jüngste Kinogeschichte beweist es in ernüchternder Deutlichkeit, an die Qualität des ersten Erfolges selten heran. Bei "Before Sunset" war das anders: Alle Beteiligten hatten sich derart in die Hauptfiguren verliebt, dass Richard Linklater, Julie Delpy und Ethan Hawke das Nachfolge-Drehbuch in jahrelangem E-Mail-Verkehr gemeinsam entwickelten.<BR><BR>Zum Glück dauerte es fast zehn Jahre bis zur Realisierung des zweiten Teils. So wirkt die Entwicklung der Charaktere glaubwürdig, und das Leben hat auch in den Gesichtern von Delpy und Hawke seine Spuren hinterlassen, was ihren Rollen nur zugute kommt. Der jungenhaft-selbstsichere Charme von Jesse ist verflogen, als er seine frühere Urlaubsbekanntschaft in Paris wieder trifft. Er avancierte zum gefeierten Schriftsteller. Celine macht beruflich irgendwas Soziales und komponiert ansonsten Lieder. Er ist unglücklich verheiratet, sie schleudert von einer lauwarmen Beziehung in die nächste. Beide sind ernüchtert.<BR><BR>Die alte Verbundenheit ist rasch wieder da, doch auch diesmal drängt die Zeit. In 90 Minuten muss Jesse am Flughafen sein. Linklater erzählt das Wiederaufleben der verschütteten Gefühle also in Echtzeit. Beide geben sich weltgewandt. Abgeklärt, mit angemessener Ironie und fein ziseliertem Zynismus berichten sie sich ihr Leben. Alles wirkt leicht, hingeworfen und zufällig. Die Kamera verlässt die Personen nie, fängt jedes Zucken der Mundwinkel unbarmherzig ein. Dieses scheinbar Ungeplante, was bei genauerer Betrachtung bis ins Detail ausgezirkelt ist, muss als Linklaters größtes Kunststück gelten.<BR><BR>Für eine gute Stunde des Films ist der Gefühlsaufruhr, die große Liebe unversehens wiederzutreffen, ausschließlich an kleinen Gesten der Hauptdarsteller abzulesen. Die mitunter fünf Minuten langen Einstellungen stemmen Delpy und Hawke jedoch mühelos. Beide beherrschen die Kunst, ihre Dialoge so wirken zu lassen, als seien sie spontan improvisiert. Linklaters Werk ist nicht einfach nur eine Fortsetzung seines bislang einzigen Kassenknüllers, sondern ein Film über die Schwierigkeit, Wünsche und Realität, Kinder, Job, Liebe und Katze unter einen Hut zu bringen - kurzum ein Film über die Sorgen der heute Mitte-Dreißig-Jährigen. Zugleich gelingt es Linklater hier noch besser als im verquasselten Vorgänger-Film, die Magie einzufangen, die zwei Menschen zueinander zwingt. Wider besseren Wissens. Ohne Rücksicht auf Verluste. </P><P>(In München: Mathäser, Leopold, City, Atelier, Atlantis i.O., Cinema i.O.)<BR><BR>"Before Sunset"<BR>mit Ethan Hawke, Julie Delpy<BR>Regie: Richard Linklater<BR>Sehenswert </P><P> </P>

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