Eine Zeitreise in die Welt der Spione

München - "Gefahr und Begierde" von Regisseur Ang Lee ist ein ebenso humanes wie sensibles Kammerspiel der Gefühle.

Eine Amour Fou aus der blutigen Zeit der japanischen Besatzungsherrschaft in China: 1937 flieht die junge Studentin Wang Jiazhi vor den Truppen des faschistischen Japan ins britische Hongkong. Dort spielt sie Theater. Aus einer Gruppe idealistischer Studenten bildet sich eine Widerstandszelle gegen die Japaner.

Man plant ein Attentat auf Yi, einen der führenden Kollaborateure und Geheimdienstchef, und die das Maskentragen gewohnte Wang soll als Lockvogel dienen. Tatsächlich freundet sie sich mit Yi und seiner Frau an, doch je besser sie ihre potenziellen Opfer kennt, umso mehr lernt sie beide zugleich als Menschen zu sehen. Besonders zu dem undurchsichtigen Yi fühlt sie sich zunehmend hingezogen. In Shanghai soll der Mordplan realisiert werden. Zugleich beginnen Wang und Yi ein Verhältnis.

"Gefahr und Begierde" könnte auch "Der dritte Mann in Shanghai" heißen: Voller Anklänge an solche romantischen Thriller unternimmt Regiesseur Ang Lee in seinem neuen Film eine Zeitreise in die 40er-Jahre, in eine Welt voller Spione, durchzogen von Misstrauen, Doppelspiel und Verschwörung.

Formal ist "Gefahr und Begierde" wie nahezu alle Filme Lees nicht sonderlich gewagt, aber mit großem Können, nuancenreich und intim inszeniert, zugleich ein exaktes und nicht verklärendes historisches Porträt Chinas während des Krieges. "Gefahr und Begierde" ist ein genuiner Lee-Film: Ein ebenso humanes wie sensibles Kammerspiel der Gefühle, konzentriert auf die Interaktion weniger Figuren und geprägt von dezenten Verweisen. Und es ist ein Drama über Identitätsverlust und Grenzüberschreitung, über die Schwierigkeiten der Identifikation.

Viel ist vorab über die Sexszenen geschrieben worden - zumeist übertrieben. Für den europäischen und asiatischen Film sind die Bilder nicht ungewöhnlich spektakulär. Lee zeigt eine mehrfache "Education Sentimentale". Der schmerzhafteste Lernprozess betrifft den Konflikt zwischen Begehren und Moral. Der Film argumentiert, dass Liebe keine Moral kennt. Beide Geliebten sind auf ihre Art ehrlich und wissen darum, dass Liebe - diese Liebe - nicht ohne Betrug sein kann.

Wenig wird im plumpen Sinne gezeigt, fast alles angedeutet - ein Film aus Momenten purer Sehnsucht, in denen dieser Regisseur seit jeher ein Meister ist und die ihn ebenso wie diesen gelungenen, überaus schönen Film über viele andere hebt. (In München: Münchner Freiheit, City, Kino Solln.)

"Gefahr und Begierde"

mit Tony Leung, Tang Wei

Regie: Ang Lee

Hervorragend *****

Ang Lee und sein neuer Film

Ang Lee, Jahrgang 1954, stammt aus Taiwan und emigrierte in den 70ern in die USA. In New York studierte er Theater und Film. Seine ersten Arbeiten handeln vom Generationenkonflikt und der Situation der Chinesen im Ausland. "Das Hochzeitsbankett", Lees zweiter Film, markiert den internationalen Durchbruch. Es folgte die Jane-Austen-Verfilmung "Sinn und Sinnlichkeit" sowie "Der Eissturm", "Ride with the Devil", "Tiger & Dragon" (vier Oscars), "Hulk" und "Brokeback Mountain" (drei Oscars). Lees Filme handeln von Grenzüberschreitungen und Identitätskonflikten, sie beschreiben Lernprozesse mit meist glücklichem Ausgang - wenn auch der Blick des zwischen Asien und dem Westen vermittelnden Lee in den letzten Jahren pessimisischer zu werden scheint.

"Gefahr und Begierde" spielt in China zwischen 1937 und 1941. Historischer Hintergrund ist der Imperialismus des faschistischen Japan. Nach Beginn des Japanisch-Chinesischen Krieges 1937 eroberte Japan die Küstengebiete. Es kam zu Massakern und massiven Flüchtlingswellen. Die nationalistische Regierung von Tschiang Kai-shek floh ins Landesinnere, in Städten wie Shanghai bildete sich Widerstand. Die Japaner begingen unzählige Kriegsverbrechen, 19 Millionen Chinesen starben. 

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