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Sebastian Blomberg mit Birgit Minichmayr in „Das Interview“ nach Theo van Goghs Film. Martin Ku(s)ejs Inszenierung ist zum Spielzeit-Auftakt am 19. und 20. September im Münchner Marstall zu sehen.

Eingesperrt in einer Raumkapsel

„Nachtlärm“: Interview zum Kinostart

München - Sebastian Blomberg spricht im Interview mit dem Münchner Merkur über seine neue Komödie „Nachtlärm“, sein Engagement am Residenztheater und seinen Traum-Job.

Nach seinem Schauspielstudium am Max-Reinhardt-Seminar in Wien begann Sebastian Blomberg eine Theaterkarriere, ehe er mit dem Kinofilm „Anatomie“ einem größeren Publikum bekannt wurde. Seitdem spielte er unter anderem Rudi Dutschke in „Der Baader Meinhof Komplex“ und einen orthodoxen Juden in „Alles auf Zucker!“. Seit einem Jahr gehört Blomberg zum Ensemble des Münchner Residenztheaters. Von Donnerstag an ist er in der Martin-Suter-Verfilmung „Nachtlärm“ im Kino zu sehen. Nach der Weltpremiere des Films beim Filmfest in Locarno sprachen wir mit dem 40-Jährigen.

„Nachtlärm“ ist eine Art Kammerspiel auf Rädern: Die meiste Zeit sitzen Sie neben Alexandra Maria Lara am Steuer eines Autos. Haben Sie das im Studio gedreht?

Ja, zu einem beträchtlichen Teil. Vor Beginn der Dreharbeiten sagte Regisseur Christoph Schaub zu mir: „Du wirst hauptsächlich nur so tun, als ob du fährst.“ Ich meinte in meinem Größenwahn: „Kein Problem.“ Aber bei den Proben merkte ich, dass Autofahren nicht so expressionistisch vonstattengeht, wie ich dachte: Wenn ein Auto mal fährt, dann fährt es. Man muss sehr reduziert agieren und vorwiegend geradeaus gucken. Auch die Lenkradbewegungen sind minim, wie der Schweizer sagt.

Hat Sie die Herausforderung gereizt, dass Sie nur von der Taille an aufwärts zu sehen sind und in Ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt waren?

Einschlafhilfe auf vier Rädern: Marco (Sebastian Blomberg) und seine Frau Livia (Alexandra Maria Lara) müssen in „Nachtlärm“ mit ihrem Tim durch die Gegend fahren, um den Kleinen zur Ruhe zu bringen. Die Komödie startet am Donnerstag in den Kinos.

Ja, ich mochte diese straffe Setzung sehr. Sie ist allerdings Reiz und Fluch zugleich: Es hat großen Spaß gemacht, aber nach der vierten Drehwoche wurde es langsam haarig. Alexandra und ich waren jeden Tag stundenlang eingesperrt in einer Mischung aus Käseglocke und Raumkapsel, eingekeilt zwischen Kabeln, Mikrofonen, Kameras, Scheinwerfern und sonstigen Apparaturen. Von dort aus haben wir das wilde Treiben der Beleuchter und des Regisseurs beobachtet – eine absurde Arbeitssituation!

Viele Männer dürften Sie darum beneiden, dass Sie so viel Zeit mit Frau Lara verbringen durften.

Sicher, das war auch sehr schön, aber wir hatten keinen Sex. Und wie Sie sich vorstellen können, gehen einem in sechs Wochen Drehzeit irgendwann die Geschichten aus. Am Ende waren wir so erschöpft, dass wir nicht mehr das Bedürfnis hatten, in den Drehpausen zu reden – da saßen wir nur noch stumm und friedlich nebeneinander. Das muss man ja auch können: zusammen schweigen.

Sie spielen den Vater eines Schreikindes. Haben Sie selbst einschlägige Erfahrungen?

Nein. Zur Vorbereitung habe ich mich auf entsprechenden Internet-Foren herumgetrieben und erlebt, in welch wahnsinnigem Zustand sich Eltern befinden, denen man über lange Zeiträume das existenzielle Bedürfnis nach Schlaf raubt: Man wird zum Zombie. Insofern hätte ich mir durchaus vorstellen können, im Film bei der psychischen Belastung der Eltern noch viel weiter zu gehen. Denn als Schauspieler interessiert es mich sehr, Extreme auszuloten und Grenzen zu überschreiten.

Seit vergangener Spielzeit gehören Sie zum Ensemble des Residenztheaters. Fühlen Sie sich in München heimisch?

Ja, nicht zuletzt dank meiner monatlichen Late-Night-Show „Na, du München!“, die mir die Möglichkeit gab, mich intensiv mit dieser Stadt auseinanderzusetzen. München weckt in mir viele Kindheitserinnerungen: Meine Oma und meine Tante haben hier gelebt, und ich kam wahnsinnig gern zu Besuch – ich habe die Trambahnen und die schönen Häuser geliebt. Auf einen gebürtigen Rheinländer wie mich wirkte München immer wie eine unglaublich hübsche, aufgeräumte Playmobil-Stadt.

Außer in Ihrer Late-Night-Show waren Sie am Resi in der Titelrolle von Voltaires „Candide“ sowie an der Seite von Birgit Minichmayr in „Das Interview“ zu sehen. Hätten Sie gern mehr gemacht?

Nein, ich habe mich in meinem Vertrag ganz bewusst nur für zwei Stücke pro Spielzeit verpflichtet, um auch noch Zeit für andere Projekte zu haben. Schließlich möchte ich meinen Gemischtwarenladen noch eine Weile weiter betreiben!

Von 26. Oktober an stehen Sie in Ibsens „Hedda Gabler“ wieder mit Minichmayr in München auf der Bühne. Können Sie gut miteinander?

O ja, mit Birgit ist es wunderbar. Sie ist eine Seele, hat ein heißes Herz und einen traumhaften Arsch – was will man mehr! Zwischen uns gibt es ein intuitives Verständnis: Wir müssen nicht viel reden, um zu wissen, was stimmig ist und was nicht. Ein Glücksfall!

Was ist Ihr größter Traum?

Darum geht es in „Nachtlärm“

Ein gestresstes Paar (Alexandra Maria Lara und Sebastian Blomberg) fährt Nacht für Nacht in einem Golf durch die Gegend, um sein schreiendes Baby zum Einschlafen zu bringen: Das Geräusch des Motors ist das Einzige, was den Sohn beruhigt. Als Auto samt Kind von Kleinganoven geklaut wird, nehmen die Eltern im gleichfalls gestohlenen Mercedes die Verfolgung auf.

Seit Jahren träume ich davon, als Reisejournalist zu arbeiten. Ich reise ausgesprochen gern, komme allerdings nur selten dazu. Zwar war ich gerade mit Freunden am Gardasee, aber ich würde mich gern mal wieder für längere Zeit ausklinken – wie vor drei Jahren, als ich drei Monate lang ohne festes Ziel in Indien unterwegs war. Und ich bilde mir ein, ich könnte diese Trips finanzieren, indem ich darüber schreibe. Ja, ich weiß, wahrscheinlich habe ich eine romantisch verklärte Vorstellung vom Beruf des Reisejournalisten – drum ist es ja ein Traum! (Lacht.)

Das Gespräch führte Marco Schmidt.

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