Einmal so richtig vom Leder ziehen

August Zirner im Interview: - Er zählt zu den gefragtesten Schauspielern im deutschen Sprachraum. Im Kinofilm "Herr Bello", der diese Woche anläuft, spielt August Zirner den verwitweten Vater eines zwölfjährigen Buben.

Ihre Rollen von "Stadtgespräch" über "Der Stellvertreter" bis zu "Helen, Ted und Fred" weisen eine enorme Bandbreite auf.

Ich bemerke diese große Spanne ebenfalls. Ich empfinde das als enormes Privileg und genieße es sehr, zwischen den Stilen und Genres zu springen.

Brauchen Sie eine Phase des Umschaltens zwischen zwei komplett verschiedenen Projekten?

Gar nicht. "Helen, Ted und Fred" ist beispielsweise nach einer sehr schwierigen Probenarbeit am "Don Karlos" in Hannover entstanden. Danach hatte ich riesigen Spaß daran, so richtig vom Leder zu ziehen und etwas absolut Komödiantisches zu spielen. Von einem Genre zum anderen, das ist kein Problem. Im Gegenteil. So ist das Leben. Wenn wir zum Beispiel dieses Interview führen, und es kommt jemand herein und sagt, es sei gerade ein Krieg ausgebrochen, wird unser Gespräch anschließend sicher vollkommen anders verlaufen als vorher. Ich finde solche Übergänge spannend. Ständig ändert sich etwas. Das Gespräch ändert sich, die Stimmung ändert sich, die Stimme auch.

Also wählen Sie Ihre Rollen nach dem Prinzip der größtmöglichen Abwechslung aus?

Nicht absichtlich. Nach "Stadtgespräch" war ich eine Zeitlang abonniert auf den unsteten schönen Mann. Als mehrmals die Anfrage nach der fast gleichen Rolle kam, habe ich gesagt: Nein, das habe ich ja gerade erst gespielt. Es ging mir gar nicht darum, nicht auf einen bestimmten Typ festgelegt zu werden. Ich wollte mich nur nicht immer in derselben Rolle langweilen müssen. Mittlerweile hat sich das geändert. Ich suche nicht absichtlich etwas Neues.

Was gab den Ausschlag bei "Herr Bello"?

Das Buch und Regisseur Ben Verbong. Den kenne ich schon lange, und ich konnte mir gut vorstellen, dass er auch für die zarte Liebesgeschichte eine passende, poetische Handschrift finden würde. Mir gefiel, dass "Herr Bello" ein anspruchsvoller Kinderfilm ist, der auf mehreren Ebenen funktioniert. Es sollen sich ja auch die begleitenden Erwachsenen amüsieren dürfen. Ich als vierfacher Familienvater plädiere doch immer sehr für die Unterhaltung der Eltern.

Sie wurden als Sohn österreichischer Emigranten in Illinois geboren und kamen erst im Alter von 17 Jahren ans Max-Reinhardt-Seminar nach Wien. Nie an eine Hollywood-Karriere gedacht?

Ich bin gar nicht auf die Idee gekommen. Ich wollte auf die Schauspielschule und nicht nach Vietnam eingezogen werden. Als die allgemeine Wehrpflicht dann abgeschafft wurde, war der Gedanke an das Studium in Europa schon derart verfestigt, dass es gar keine andere Möglichkeit mehr gab. Es war eine unbewusste Reemigration, die mich nach Wien verschlagen hatte. Wo ich dann erst einmal Deutsch lesen lernen musste. Ich konnte es nur sprechen, und das auch nur mit einem deutlich Wienerischen Einschlag.

Und heute? Sie leben zwar am Chiemsee, aber immer noch keine Lust auf Hollywood?

Ich würde gerne in Amerika arbeiten. Gelegentlich. Und ich müsste ja nicht einmal den Nazi spielen! Ein paar Mal war ich auch schon dort zum Arbeiten. Ich habe öfter mal Sehnsucht nach Amerika und dem pragmatischen Umgang, der dort herrscht. Aber ich bin in meinem Herzen viel zu sehr Europäer. Und Los Angeles ist so eine trostlose Stadt. Die reizt mich überhaupt nicht. Kein einziges Kaffeehaus.

Das Gespräch führte  Ulrike Frick.

Auch interessant

Kommentare