Eintopf für den Familientisch

- "Die Zukunft war auch schon mal besser." An Karl Valentin musste man denken, als am Freitagabend die Bayerischen Filmpreise zum letzten Mal unter Ministerpräsident Edmund Stoiber vergeben wurden. Zu dem Berg der Aufgaben, die vor Stoibers Nachfolger liegen, dürfte auch gehören, die bayerische Position in der deutschen Filmlandschaft wieder zu verbessern.

Denn ungeachtet des bei solchen Veranstaltungen üblichen wechselseitigen Schulterklopfens der Film-Amigos, ging in den letzten Jahren mehr und mehr Boden verloren, vor allem zu Gunsten des immer stärker werdenden -­ sprich kulturell wie wirtschaftlich attraktiveren -­ Berlin. Die richtige Antwort darauf haben die in Bayern Zuständigen noch nicht gefunden, auch das symbolisierte die Preisverleihung.

In der hiesigen Filmindustrie fehlt die Konkurrenz

Schon recht: Dieser Filmpreis ist die zweithöchste deutsche Kinoauszeichnung. Viel Steuergeld wird da unter Mitsprache der Staatskanzlei verteilt, und nicht ganz unberechtigt lästern manche über "verkappte Filmförderung". Aber so funktioniert einstweilen das deutsche Fördersystem, das sich neben dem "Kulturauftrag" auch Standortpolitik auf die Fahnen geschrieben hat.

Diese beiden Säulen gerieten schon in den letzten Jahren aus dem Gleichgewicht. Doch auch als reiner Wirtschaftspreis funktioniert alles offenbar fast immer nach denselben Prinzipien: Jeder darf mal ran, und einige sind immer dabei, etwa Eichingers Constantin. Wenn Joseph Vilsmaier einen Film gemacht hat, bekommt der auch irgendeinen Preis (heuer "Der letzte Zug"), ebenso wie Herbert Kloibers Firma Concorde (diesmal "Die Wolke") -­ so berechenbar ist das seit Jahren. Ganz offensichtlich gibt es in Bayerns Filmindustrie zu wenig Konkurrenz und Wettbewerb, um dieses realsozialistische Suppenküchenprinzip einmal ernsthaft in Frage zu stellen.

Neben aller Selbstfeier des Filmwirtschafts-Standorts Bayern gibt die alljährliche Preisverleihung aber natürlich auch eine kulturelle Botschaft, die die Gegenwart widerspiegelt und in die Zukunft weist. Das Filmjahr 2006 war in ganz Deutschland wirtschaftlich außerordentlich erfolgreich -­ wenn auch nur bei künstlerischem Mittelmaß.

Es wird schwer sein, 2007 diese Erfolge zu wiederholen. Vor allem aber sollte es den Förderern darum gehen, über Kasseneinnahmen den Kulturauftrag nicht völlig zu vergessen. Und hier hat Bayern großen Nachholbedarf. Während in Nordrhein-Westfalen und Berlin auch schwierigere deutsche Filme und Internationales von Lars von Trier, Ken Loach und Jim Jarmusch gefördert werden, sucht man dergleichen Glanz und Wagemutiges in Bayern vergebens. Hier herrschen Mainstream und biederer Geschmack vor.

Auch an den diesjährigen Preisen war das abzulesen. Der Lichtblick in diesem Jahr ist "Vier Minuten" von Chris Kraus, der mit vier Preisen die meisten Auszeichnungen erhielt. Ein Film, dem man einen ähnlichen Publikumserfolg wünscht wie Florian Henckel von Donnersmarcks Stasi-Schmonzette "Das Leben der Anderen", der im letzten Jahr vierfach geehrt wurde. Der kleine, feine Unterschied ist freilich, dass der wichtigste, weil höchstdotierte Produzentenpreis 2007 nicht an Kraus‘ Film ging, sondern an die Produzenten von "Wer früher stirbt, ist länger tot". Mit den zwei Preisen für Regisseur Marcus H. Rosenmüllers Retro-Heimatfilm beweist das Auswahlgremium seinen Instinkt für das Publikum.

Verräterischer ist, wer nichts bekam: der gesamte Nachwuchs, der ein wenig unkonventionellere Werke vorlegte wie zum Beispiel Benjamin Heisenberg und Christoph Hochhäusler, die jetzt zur "Berliner Schule" gehören. Ignoriert wurden auch Einzelkämpfer wie Hans Steinbichler mit seinem Film "Winterreise" -­ ebenfalls ein Heimatfilm, für den offenbar am großen bayerischen Familientisch auch kein Platz ist.

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