Eleganter Machismo

- Boot fahren, Frauen vernaschen, Mojito trinken und Armani-Anzüge tragen - Crockett und Tubbs waren, als sie Mitte der 1980er-Jahre auch bei uns das schöne Leben als Undercover-Agenten genossen, gleich Kult.

Wenn im Vorspann die Flamingos flatterten, das Wasser vor den Florida-Kais spritzte, Jan Hammers Synthesizer-Musik erklang und Don Johnson und Philip Michael Thomas in Leder-Slippern, pastellgrauem Anzug und rosa T-Shirt ins Appartement irgendeines exilkubanischen Drogenbosses hüpften und "Meiämi Weiß!!!" brüllten, dann war das "Coolness" pur. Florida als geistige Lebensform, die schon irgendwie MTV-haft hip, aber noch ungestört war durch moderne Kommunikationstechnik, Osteuropäer und New Economy.

Es gab keine Handys damals, und Computer hatten nur die "Nerds". Mit der Mauer fielen die Illusionen der 80er, "Miami Vice" verschwand vom Bildschirm, und "Coolness" wurde wieder um- und zurückdefiniert ins Blaugraue, Existenzielle, in Neo-Noir, was, zugegeben, bis heute besser aussieht. Wenn jetzt Michael Manns Film in die Kinos kommt, ist klar: So retro sind wir noch lange nicht; der Kinofilm wird jedenfalls etwas ganz anderes sein müssen als die TV-Serie. Aber die Haltung muss stimmen.

Es lag nahe, für die Kinoversion Michael Mann zu verpflichten, einen Meister visueller Eleganz, dessen Filme immerzu aufs Neue männlich geprägte Arbeitswelten ausloten, den Machismo im selben Moment feiern, wie sie ihn dekonstruieren. Ein solcher Ansatz ist auch für den "Miami Vice"-Stoff vielversprechend.

Solch hoch gesteckte Erwartungen löst Manns achter Spielfilm nur begrenzt ein. Man muss diesen Film loben, weil er alle durchschnittlichen Polizeifilme weit in den Schatten stellt. Aber man kann ihn nicht wirklich loben, weil man von einem Michael Mann weitaus mehr erwartet. Alles in allem ist "Miami Vice" visuell und stilistisch deutlich weniger konsequent als Manns letzte Filme. Selten entfaltet er jenen Rhythmus aus Bildern und Musik, der sich zu einer leichten, jazzigen und dennoch jederzeit konzentrierten Atmosphäre verdichtet, den dieser Regisseur so perfekt beherrscht wie kein anderer und der ihn zu einem der wenigen echten Autorenfilmer Hollywoods macht.

Farrell kann Don Johnson nicht das Wasser reichen

Der Titel ist vor allem ein Markenzeichen zur Erhöhung der Verkäuflichkeit. Der Dackelblick des überforderten Colin Farrell hat mit Don Johnsons Dreitagebart-Melancholie so gar nichts gemein, und Jamie Foxx ist viel zu gut, um auf wenige Szenen reduziert zu werden. Hinzu kommt ein konfuser Plot, dessen Ausgangspunkt - Verrat unter den Ermittlern - mitten im Film vergessen wird.

Nach langem Anlauf konzentriert sich der Film aber auf die episch inszenierte Konfrontation zwischen Polizei und Drogengang, die in die Entführung von Tubbs' Kollegin/ Freundin Trudy, deren opferreiche Befreiung und einen wilden Showdown mündet. Erschwert wird alles noch durch eine Affaire zwischen Crockett und der ebenso hochrangigen wie zwielichtigen Drogenhändlerin Isabella. Am besten ist "Miami Vice", wenn er von solchen wechselseitigen Grenzüberschreitungen handelt, wenn er das Dilemma von Undercover-Agenten streift, die für Augenblicke vergessen, wohin sie gehören, und die Faszination der anderen Seite, die Freiheit des amoralischen Gangsterlebens.

Bleibt die Haltung: Milieu und Atmosphäre - die im Deutschen zu einem Drittel der schlechten Synchronisation zum Opfer fällt; also muss man diesmal wirklich das Original sehen! - sind alles in diesem Film. Michael Mann interessiert sich für Rituale und Umgangsformen von Gangstern, das Leben der kolumbianischen Drogenmafia und die Luxuswohnung eines Dealers in Miami. Hier scheinen der Film und ein Regisseur, der Gangster schon immer mindestens so interessant fand wie die Guten, ganz mit sich im Reinen. So ist Manns Handschrift trotz allem deutlich erkennbar. (Ab morgen in München: Mathäser, Maxx, Münchner Freiheit, Autokino, Cinema, Cincinnati.)

"Miami Vice"

mit Colin Farrell, Jamie Foxx, Naomie Harris, Gong Li

Regie: Michael Mann

Sehenswert

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