Denkmal für Widerstandskämpfer

"Elser": Unser Filmtipp der Woche

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Oliver Hirschbiegel und sein Hauptdarsteller Christian Friedel setzen in „Elser“ dem Widerstandskämpfer ein Denkmal. Vor 70 Jahren, am 9. April 1945, wurde er im KZ Dachau getötet.

Die Leinwand ist noch dunkel, da ist er bereits zu hören: ein Mann, ächzend unter harter Arbeit. Doch die Geräusche der Anstrengung verraten auch anderes: Eile, Heimlichkeit – und sie künden vom unbedingten Willen, diese Arbeit vollenden zu müssen. Dann wird die Leinwand Bild, und wir sehen – nicht den Mann, sondern eine Bombe, die von zerschundenen Händen an ihren Platz in einer Betonsäule gewuchtet wird. Der Ort war richtig, die Arbeit des Mannes scheiterte an der Zeit: Wegen Nebels verließ Adolf Hitler am 8. November 1939 vorzeitig den Münchner Bürgerbräukeller; Georg Elsers Bombe detonierte 13 Minuten zu spät.

Die Zeit spielt eine Hauptrolle in Oliver Hirschbiegels Film über den Schreiner aus dem württembergischen Königsbronn, der mit seinem Anschlag den Lauf der Geschichte ändern wollte – in einem Moment, als der größte Teil der Deutschen ihrem Führer begeistert zujubelte. Immer wieder fängt die klug gesetzte Kamera von Judith Kaufmann Uhren und Zifferblätter ein; wir hören das Schlagen von Kirchturmglocken und das Ticken von Weckern. Die Zeit verrinnt – nicht schnell genug.

Bereits die ersten Einstellungen von „Elser“ machen deutlich, wo Regisseur Hirschbiegel den Schwerpunkt setzt bei seiner Version der Geschichte des Widerstandskämpfers, der heute vor 70 Jahren im KZ Dachau ermordet wurde: Ihn interessieren die Gründe, warum Elser die Bombe baute – und damit interessiert ihn auch der Konjunktiv, das Was-wäre-wenn. „Er hätte die Welt verändert“ lautet der Untertitel des Films nicht von ungefähr, der sich in seiner Zurückhaltung und seinem Respekt vor der historischen Figur wohltuend von der Vorgängerproduktion unterscheidet.

Keine Frage: Es ist das Verdienst Klaus Maria Brandauers, Georg Elser dem Vergessen entrissen zu haben. Doch zugleich ist sein Film aus dem Jahr 1989 auch ein großes Brandauer-Spektakel, bei dem die Prominenz des Regisseurs und Hauptdarstellers die historische Figur oft überdeckte. Es ist daher schlicht ein Glück, hier Christian Friedel in der Titelrolle zu erleben. Doch dazu später.

Fred Breinersdorfer und seine Tochter Léonie-Claire haben das Drehbuch zu „Elser“ geschrieben. Wie schon bei Marc Rothemunds „Sophie Scholl“ (2005), für den ebenfalls Breinersdorfer das Skript verfasste, entwickelt sich die Geschichte aus den Verhören durch die Gestapo, nachdem Elser an der Grenze zur Schweiz festgenommen wurde. In Rückblenden wird die Entwicklung des Mannes abgehandelt. Wir erleben ihn als pflichtbewussten Sohn einer überforderten Mutter und eines Säufer-Vaters, als jungen Schreiner voller Lebenslust auf Wanderschaft, als KPD-Sympathisant, als Spaßvogel und Musiker, der bei Frauen gut ankommt. Soweit das Baukastenprinzip der Vorlage. Hirschbiegel gelingt es jedoch, auf dieser Grundlage zu erzählen, wie sich das braune Gift selbst in die abgelegene dörfliche Gemeinschaft auf der Schwäbischen Alb fressen konnte. Wie Macht und Ausgrenzung Menschen korrumpieren, hat dieser Regisseur bereits in seinem Thriller „Das Experiment“ (2001) untersucht. Erkenntnisse von damals wendet er nun auf die Zeitgeschichte an – es wirkt wie eine Wiedergutmachung für seinen missglückten Film „Der Untergang“ (2004).

„Elser“ schont den Zuschauer nicht, weshalb man über die Altersfreigabe von zwölf Jahren streiten kann. Doch sind es weniger die expliziten Folterszenen, die erschrecken, sondern vielmehr die Atmosphäre von Routine und Alltag, die in den Räumen der Gestapo herrscht. So ist der brutalste Moment dieses Films jener, als die Protokollführerin nach Elsers Weigerung, im Verhör zu antworten, unaufgefordert ihr Buch nimmt und rausgeht. Sie weiß schließlich, was folgt; wir sehen sie vor der Tür im Gang sitzend und lesend, während von drinnen die Schreie des Gequälten zu hören sind.

Christian Friedel ist das Kraftzentrum des Films – und ordnet sich zugleich in das Ensemble ein. Er begegnet seiner Rolle zwar mit Respekt, erstarrt darin jedoch nicht: So glückt ihm ein lebendiges Porträt Elsers. Dabei beeindruckt vor allem, wie Friedel dessen Erkenntnisprozess gestaltet und nachvollziehbar werden lässt, wie in diesem Mann der Entschluss reifte, einer – er – müsse den braunen Spuk beenden. „Ich bin ein freier Mensch gewesen“, sagt Elser einmal im Verhör. „Das heißt?“, fragen seine Peiniger. „Man muss machen, was richtig ist.“

Michael Schleicher

„Elser“

mit Christian Friedel, Burghart Klaußner, Katharina Schüttler, Johann von Bülow

Regie: Oliver Hirschbiegel

Laufzeit: 110 Minuten

Rubriklistenbild: © Bernd Schuller/Lucky Bird Pictures

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