Eltern in der Vorhölle

- Ein Paar aus wohlhabenden, bürgerlichen Verhältnissen reist nach Asien, in Kambodschas Hauptstadt Phnom-Penh. Es gießt wie aus Eimern, und von Anfang an sind die Verhältnisse ungemütlich. Trotzdem spürt man gleich auch die Faszination für die fremde Welt. Die Kamera folgt seinen neugierigen Blicken aufs Unbekannte, auf die Menschen, die an ihnen vorbeiziehen.

Doch Pierre (Jacques Gamblin) und Geraldine (Isabelle Carré) sind keine Touristen. Schnell erfahren wir: Sie kommen, weil sich ihr Wunsch nach einem Kind weder auf natürlichem Weg, noch durch Adoption in der Heimat erfüllen lässt. Hier aber kann man legal und scheinbar unkompliziert Kinder adoptieren.

Engagiertes Kino im klassischen Sinn

Bertrand Tavernier steigt ganz unparteiisch, fast wie ein Dokumentarist in seinen neuen Film ein. Adoption, erst recht von "Dritte-Welt"-Kindern durch ein Paar aus der reichen Ersten Welt, ist ein prekäres Thema, bei dem kein klares Werturteil auf der Hand liegt. In diesem Fall erhält es noch eine zusätzliche Facette  durch  die  Tatsache, dass Kambodscha einst zum französischen Indochina gehörte, dass es in den Indochina-Kriegen fast völlig zerstört wurde. Hier wurden mehr Bomben abgeworfen als auf Nazi-Deutschland.

Zunächst müssen Pierre und Geraldine einfach warten. Sie treffen andere Paare in ähnlicher Lage, bekommen Kontakt zu einem Waisenhaus. Beide gehen keiner Anstrengung aus dem Weg. "Holy Lola" zeigt den leidenschaftlichen Wunsch vieler Paare nach einem Kind, auch die Obsession, ja Hysterie, die in der Verfolgung ihres Ziels liegen kann. Doch im Zentrum des Films steht nicht das Warum, sondern das Wie; stehen die Ökonomie der Adoption, die konkreten Probleme und moralisch-emotionalen Konflikte.

Tavernier zeigt eine Vorhölle aus Hoffnung und Enttäuschung, zeigt auch die persönliche Schuld, die sich dabei wohl nie ganz vermeiden lässt. Zögerlich, illustrativ, nicht thesenhaft und auch hierin wieder fast dokumentarisch gibt der Film aber auch Taverniers Überzeugung preis, dass durch diese Art der Adoption vielen Kindern konkret geholfen wird, dass sie Chancen erhalten, die sie in ihrem eigenen Land nicht bekommen. Denn auch in Kambodscha ist Kinderraub oder -verkauf an der Tagesordnung. Viele Opfer landen dann in Bordellen. Taverniers Anklage dieser Verhältnisse, aber nicht minder der westlichen Gleichgültigkeit ist offensichtlich, aber nie plump. Schonungslos präsentiert er den Egoismus der Europäer, doch er hat auch Verständnis.

Sein Porträt der kambodschanischen Realität ist klar und empathisch zugleich. Gerade in dieser Parteilosigkeit liegt die Stärke seines Films. Wie zuletzt Taverniers wunderbarer "Ǹa commence aujourd'hui" ist "Holy Lola" engagiertes Kino im klassischen Sinn, auf hohem filmischen Niveau und mit dokumentarischer Qualität.

(In München: Filmcasino, City, Cinema i. O., Theatiner i. O.)

"Holy Lola"

mit Isabelle Carré, Jacques Gamblin

Regie: Bertrand Tavernier

Hervorragend

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