Emotionale Abgründe

- Mit 18 war er Vollwaise und Millionär, mit 23 gewann er einen Oscar, mit 33 umrundete er im Flugzeug die Welt schneller als je ein Mensch vor ihm, mit 41 stürzte ein von ihm gesteuertes Flugzeug in den Villen von Beverly Hills ab, und er überlebte trotz 70 Prozent verbrannter Haut, mit 48 wurde er zum letzten Mal fotografiert, mit 53 gab er sein letztes Interview, mit 71 starb er in selbst gewählter Zurückgezogenheit - Howard Hughes (1905-1976), einer der interessantesten, ungewöhnlichsten Menschen des 20. Jahrhunderts: Multimillionär, Exzentriker und Filmproduzent, Rekordflieger, Womanizer und Paranoiker.

<P>Kaum zu glauben, dass bisher niemand dieses einmalige, an spannenden Ereignissen und unzähligen Anekdoten so reiche wie bizarre Leben verfilmt hat. Jetzt wagte sich Martin Scorsese an das Leben dieses Mannes, der schon in jungen Jahren selbst zum Mythos geworden war. Vor allem geht es um Hughes Glanzzeit, 1923 bis 1947. Vom späten Hughes, der vielleicht durch übermäßige Schmerzmittel drogensüchtig und möglicherweise psychisch krank, zurückgezogen fast nur noch in Hotels lebte, sein Imperium per Telefon dirigierte und sich angeblich vor allem von Eis und Dosensuppe ernährte, erfährt man kaum etwas.</P><P>Dafür erlebt man einen jungen Mann, der es gewohnt ist zu befehlen, für den Geld keine Rolle spielt, der ein bisschen arg perfektionistisch auftritt und der alles, was er tut, mindestens eine Nummer größer tut als der Rest der Welt. Wenn er eine fremde Frau anspricht und zum Golf einlädt, landet Hughes eben mit dem Flugzeug zu ihren Füßen - freilich handelt es sich dabei auch um Katherine Hepburn, und da musste sich selbst ein Howard Hughes schon Mitte der 30er-Jahre ein bisschen mehr Mühe geben.</P><P>Auch wenn "The Aviator" für nichts sonst gut wäre, lohnten bereits solche, allesamt verbürgten Szenen unbedingt den Besuch - und zwar möglichst den der Originalversion, denn Kate Blanchett oder später Kate Beckinsale als Ava Gardner muss man schon im Original hören, um den Auftritt wirklich zu genießen. Stilistisch ist der Film perfekt, sieht man einmal von dem etwas zu deutlichen Einsatz digitaler Tricks vor allem in den Flugszenen ab. </P><P>Die historischen Ereignisse werden in wenigen exemplarischen Szenen erzählt, im Einzelnen korrekt recherchiert, im Großen frei und von grundsätzlichem Wohlwollen gegenüber der Hauptfigur geprägt. So hat "The Aviator" genau das Tempo und die visuelle Spannung, jene Wildheit und entscheidenden zehn Prozent "over the top", die ein solcher Film braucht, um emotionale Abgründe aufzureißen und den Zuschauer zu fesseln. Es sind diese zehn Prozent, die einen Film zum Meisterwerk machen - und zumindest in diesem Kampf um letzte Perfektion darf man wohl eine Wahlverwandtschaft zwischen Scorsese und dem "Spinner" Hughes vermuten. </P><P>"Aviator"<BR>mit Leonardo DiCaprio, Cate Blanchett, Jude Law<BR>Regie: Martin Scorsese<BR>Hervorragend </P>

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