Am Ende siegt der Glaube

München - Der Einstieg ist rasant, dramatisch und gekonnt inszeniert. Ein FBI-Suchtrupp in einer weiten Schneelandschaft. Angeleitet wird er von einem älteren Herrn. Parallel dazu sehen wir eine Frau, die nachts nach Hause kommt. Die Hunde bellen, man spürt gleich etwas Unheilschwangeres. Immer schneller wechselt das Bild zwischen beiden Schauplätzen hin und her.

Der Suchtrupp gräbt etwas aus. Die Frau erkennt, dass sie nicht allein ist. Zwei Männer greifen sie an, sie verletzt einen mit einer Gartenhacke am Arm, Horror- und Serienkiller-Ästhetik mischen sich. Die Frau wird von den Männern überwunden, und der Suchtrupp findet im Eis einen einzelnen Arm. Wir Zuschauer wissen: Es ist der Männerarm, der mit der Hacke verletzt wurde...

Die X-Akten sind zurück. Zumindest für Fans ist das eine gute Nachricht. Ob die jüngere Generation, die zum Popcorn auch die Kinokarte kaufen soll, damit viel anfangen kann, wird sich weisen. Regie führte diesmal Chris Carter, der die TV-Serie einst kreiert hatte. Aber das Wiederaufwärmen einer Serie, die vor sechs Jahren eingestellt wurde, ist keine leichte Aufgabe. Das Schwierigste: Wo setzt man ein? Und wie bringt man die FBI-Agenten über die Schwelle des "11. September", der 2001 all jene Ängste, die Verschwörungstheorien und die pessimistische Sicht auf Mensch und Staat, mit der "Akte X" gern und oft ironisch spielte, noch übertroffen und wahr gemacht hatte.

Der Film spielt in der Jetztzeit und führt die beiden Helden Mulder (David Duchovny) und Scully (Gillian Anderson) in wenigen Minuten zusammen. Mulder lebt zurückgezogen in der Einöde, Scully arbeitet als Ärztin in einem katholischen Krankenhaus. Beide werden vom FBI reaktiviert, weil der Alte aus der Auftaktszene ein "Medium" ist, mit dessen Hilfe man hofft, verschwundene Frauen aufzuspüren. Dieser Seher ist ein katholischer Ex-Priester, der wegen Pädophilie verbannt wurde, sich darob auch selbst kastriert hatte und heute Blut weint. Auch sonst widmet sich der Film Schattenseiten des Katholizismus, etwa Sterbehospizen, die von gierigen Priestern vor allem als Einnahmequelle gesehen und dank scheinheiliger Argumente mit immer neuem Menschenmaterial bestückt werden. Auf der anderen Seite bezieht das Verhältnis zwischen Mulder und Scully auch diesmal wieder seine fruchtbare Spannung aus dem Konflikt zwischen Glauben und rationaler Skepsis, Irrationalismus und Wissenschaft.

Es gibt ein paar Scherze, die Humor und Intelligenz der Macher belegen und den ernsten Ton des Films auflockern. Im Allgemeinen ist "Akte X - Jenseits der Wahrheit" (im Original viel sinniger: "I want to believe" - "Ich will glauben") in jeder Hinsicht eine Reise in die Vergangenheit: in die der Zuschauer, der Figuren, unseres Denkens, aber auch des Kinos. Am Ende siegt der Glaube, wenngleich nicht unbedingt die Religion. Ansonsten bleiben die wirklich ewigen Fragen: Werden sich Scully und Mulder endlich näherkommen? Werden sie Kondome dabeihaben? Ist die Wahrheit vielleicht doch nicht da draußen? (In München: Mathäser, Maxx, Royal, Leopold, Autokino, Cincinnati, Cinema OV, Museum OV.)

"Akte X - Jenseits der Wahrheit"

mit David Duchovny, Gillian Anderson

Regie: Chris Carter

Annehmbar ***

 "Akte X" im Fernsehen

In 202 Folgen hatte "Akte X" seit 1993 das Fernsehen revolutioniert. Licht und Kamera wie in Kinofilmen, eine Handlung, die die Grenzen der 45-Minuten-Folge überschreitet, das war Anfang der 90er noch unüblich. Von Anfang an stand "Akte X" auch in der Kritik. Kirchen bemängelten oberflächlichen Umgang mit den Sakramenten, Glaubensskeptiker warnten vor neuem Mystizismus. Diese Diskussion wird auch in der Serie selbst geführt. Vielleicht ist das Gleichsetzen von Wissenschaft und Rationalität mit Glauben und Esoterik das eigentlich irrationale Element der "Akte X". Allemal wabert hinter den zahlreichen Anspielungen auf die Zeitgeschichte ­ Nazis, Menschenversuche, Kennedy-Mord, Atombombe, etc. ­ auch immer die Behauptung, die eigentliche Wahrheit fände sich "da draußen". Stilistisch war "Akte X" innovativ: eine Mischung der bis dahin unvereinbaren Genres Horror, Science-Fiction, Detektivfilm, Politthriller und Katastrophenfilm.

rsl

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