Endlich mal frische Luft

- Vogelschwärme kreisen über New York. Sie verdunkeln den Himmel, der nun noch düsterer aussieht als ohnehin schon. Tiere wissen mehr, das weiß wiederum der Zuschauer jedes Katastrophenthrillers, und darum beginnt jetzt auch der Letzte im Kino das Unheil zu ahnen.

<P>Dies ist eines der unheimlichsten Bilder von "The Day after Tomorrow", schlimmer als alle computeranimierten Tornados zusammen, als die wandhohen Sturmfluten, kopfgroßen Hagelbrocken und Risse durchs Polareis. Vieles davon sieht bei aller Perfektion der Machart doch aus wie aus einem Computerspiel, seltsam künstlich, ungreifbar und ein bisschen lächerlich. Die meterhohen Eisschichten, die irgendwann New York bedecken, erscheinen im postapokalyptischen Sonnenschein vor allem malerisch. Muss schön sein, so eine Eiszeit. Endlich mal frische Luft . . .</P><P></P><P>Aber die Vogelschwärme über der Metropole sind ein Moment, in dem der Film an das Bilderarsenal in unserem Kopf anknüpft, das sich dort durch Malerei, Literatur und Kino längst eingenistet hat. Einer der Momente, in denen "The Day after Tomorrow" das apokalyptische Versprechen seines Titels einlöst. Ansonsten ist auch dies, wie jeder Roland-Emmerich-Film, vor allem Spektakel pur, dominiert von diebischer Freude am Kaputtmachen. Nachdem Emmerich in nur fünf Minuten Los Angeles durch vier gleichzeitig wütende Tornados in Schutt legt und dabei überaus hübsch das berühmte Hollywood-Schild Buchstabe für Buchstabe wegschreddern lässt, nimmt er sich für New York richtig Zeit. </P><P>Flutwellen schwappen über die Freiheitsstatue, ergießen sich durch Manhattans Straßenschluchten, spülen Häuser und Menschen hinweg. Und doch ist hier ein anderer Ton spürbar: "Wir leben über unsere Verhältnisse", lautet die gut gemeinte Botschaft, der Treibhauseffekt führt zu einer neuen Eiszeit. Dies entspricht zumindest in Grundzügen den pessimistischsten Szenarien der Klimaforscher.<BR><BR>Die Reichen werden zu armen Flüchtlingen</P><P>Emmerich hat diese maßlos übertrieben, unterhaltungsfilmgerecht auf einen Zeitraum von zehn Tagen zusammengerafft. Visuell ist das so beeindruckend wie effektheischend. Die Story ist dünn. Nichts daran interessiert Emmerich. Wissenschaft ist per se nicht oft unterhaltungstauglich, darum muss sie heroisiert werden: Dennis Quaid am metertiefen Abgrund.</P><P>Später dann hält er Vorträge, läuft durch den Film wie Kassandra durch Troja, immer vor dem Schlimmsten warnend, immer im Recht, wie aber nur der Zuschauer weiß, eine Nervensäge, der keiner Glauben schenkt. Auch behauptet der Film eine Weltgemeinschaft, die er dann doch nicht herstellt. Alles geschieht in Amerika. Insofern, trotz seines glaubwürdig guten Anliegens, bleibt Emmerichs Blick genauso isolationistisch wie in seinen anderen, schlechteren Filmen. <BR><BR>Einmal mehr dient die Katastrophe in gewissem Sinn vor allem dazu, eine dysfunktionale US-Familie wieder zusammenzuführen. Nur in einem Punkt bietet Emmerich tatsächlich Neues. Die Politiker, insbesondere der US-Präsident, sind nicht mehr die Tapferen, die das Unheil tatsächlich besiegen. Im Gegenteil: Wie von Götterhand gelenkt, schlägt gleich zu Beginn ein Blitz ins Weiße Haus. Und der Vizepräsident sieht nicht nur so aus wie Dick Cheney, er redet und handelt auch so. Die Politiker, das sind hier lange Zeit die Versager und Ignoranten, nicht mehr die Helden. Und in einer der klügeren Szenen zeigt Emmerich, wie Massen von US-Flüchtlingen sich an der mexikanischen Grenze drängen, wie der selbst errichtete Zaun umgekehrt zur schrecklichen Sperre wird - ein Bild von bitterer Ironie, das aber nahezu das einzige bleibt in diesem Film.</P><P><BR>"The Day after Tomorrow"<BR>mit Dennis Quaid, Emmy Rossum, Ian Holm<BR>Regie: Roland Emmerich<BR>Annehmbar </P>

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